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»Nahrungsmittel werden zur Ware, die Natur abgewertet.«

Lateinamerika: Junge Aktivist*innen fordern Klimagerechtigkeit


In unserem Projekt für Klimagerechtigkeit engagieren sich junge Umweltaktivist*innen aus Kolumbien, Peru und Brasilien für das Recht auf eine gesunde Umwelt. 

Der folgende Beitrag wurde von dem Jugendkollektiv unserer Partnerorganisation, der Landlosenbewegung MST, verfasst und zuerst auf deren Webseite veröffentlicht. Er gibt die Ansichten der Autor*innen wieder und reflektiert nicht zwangsläufig die Positionen von Terre des Hommes. Fotos: Coletivo Nacional de Juventude Sem Terra. Redaktion: Solange Engelmann.

Die Jugend der Landlosenbewegung MST intensiviert die Zusammenarbeit zur Klimagerechtigkeit


Wir erleben eine strukturelle Krise des Kapitalismus mit wirtschaftlichen, kulturellen, gesundheitlichen und ökologischen Dimensionen. Diese Krise trifft die brasilianische Landwirtschaft: Nahrungsmittel werden zur Ware, die Natur wird abgewertet und junge Menschen werden vom Land verdrängt. In der Folge nehmen Individualismus und Überlebenszwang zu. Sie zerreißen Gemeinschaftsbindungen und bieten falsche »Lösungen« für die Jugend auf dem Land und in den städtischen Peripherien.

Die Umweltfrage ist in den letzten Jahren für uns, die Jugend der Landlosenbewegung MST ( Movimento dos Trabalhadores Rurais Sem Terra), zentral geworden — sowohl in Debatten als auch in praktischen Erfahrungen vor Ort. 

Gemeinsam mit Terre des Hommes Deutschland, Censat Agua Viva (Kolumbien), der Organización Nacional de Mujeres Indígenas Andinas y Amazónicas del Perú und dem MOCICC – Movimiento Ciudadano frente al Cambio Climático (Peru) entwickeln wir das Projekt »Klimagerechtigkeit – Junge Menschen Lateinamerikas fördern Umwelt- und Klimagerechtigkeit«. Ziel ist es, Lösungen für die Umwelt- und Klimakrise in der Region zu erarbeiten.
 

Regionale Bildungsschulen und Aktionen in Brasilien

Im Projekt entstehen regionale Bildungsschulen mit der Jugend in den fünf Regionen Brasiliens. Zentrales Thema ist der Umweltkampf zum Schutz der Territorien. Wir planen 19 Maßnahmen der politischen Einflussnahme, verteilt über das ganze Land. Die Bildungsarbeit der regionalen Jugendschulen ergänzt zahlreiche Initiativen unseres Movimento, um das Verständnis zu vertiefen und die Handlungskompetenz der Akteur*innen der Popularen Agrarreform zu stärken — denn »wer weiß, wofür er kämpft, kämpft besser«.

Die regionalen Schulen verfolgen unter anderem folgende Ziele: Stärkung der Organisation der Jugend in Brasilien, Peru und Kolumbien durch Lern- und Entwicklungsräume für praktische Kompetenzen gegen die Klima- und Umweltkrise; politische und ideologische Bildung zur Förderung kollektiver Strategien und regionaler Netzwerke für Klimagerechtigkeit; sowie die Verstärkung politischen Einflusses der Jugend auf lokaler, nationaler und regionaler Ebene zugunsten von Menschen- und Umweltrechten.

Das Klimagerechtigkeitsprojekt

In unserem Projekt entwickeln junge Umweltaktivist*innen aus Kolumbien, Peru und Brasilien praxisorientierte, gemeindebasierte Lösungen zur Bewältigung der Klima- und Umweltkrise, leisten Aufklärungsarbeit und setzen sich für die Einhaltung internationaler Umwelt- und Klimavereinbarungen ein. Das Projekt wird in Zusammenarbeit mit der Landlosenbewegung MST und dem Instituto Cultivar (Brasilien) sowie den Organisationen CENSAT (Kolumbien) und MOCCIC (Peru) umgesetzt und durch das Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ) gefördert.

Austausch zwischen Projektpartner*innen

Seit der zweiten Hälfte 2024 haben wir, zusätzlich zu den fünf regionalen Schulen, Austauschreisende aus den anderen Partnerorganisationen empfangen. Das bot die Möglichkeit, eine gemeinsame regionale Linie für das Projekt zu entwickeln, das MST vorzustellen und die Partnerorganisationen kennenzulernen. Gleichzeitig konnten Debatten über die Konzepte der Klimakrise vertieft werden — ausgehend von den Erfahrungen der Jugend in ihren Territorien.

Das erste Regionale Treffen des Projekts »Kofi TDH« fand vom 2. bis 7. Juni 2025 in Moreno und Recife (PE) statt. Zwölf junge Menschen aus Brasilien, Peru und Kolumbien nahmen teil. Ziel war der Erfahrungs- und Wissensaustausch durch Workshops, praktische Erlebnisse und Debatten zu Umweltfragen, Klimakrise und populärer Organisation.

Die Diskussionen behandelten Verbindungen zwischen Kapitalismus, Kolonialismus und Klimakrise sowie Herausforderungen und Alternativen, die von Volksbewegungen entwickelt werden — etwa Agroökologie, Nutzung traditioneller Technologien und Klimagerechtigkeit. Erfahrungen des MST und der anderen beteiligten Organisationen wurden geteilt, um kollektive Strategien des Widerstands zu stärken.

Während des Treffens gab es thematische Plenen, Mangrovenpflanzaktionen, Besuche agroökologischer Projekte, Veranstaltungen zum Weltumwelttag, kulturelle Exkursionen in Recife und Olinda sowie gemeinsame Momente für Reflexion und Wissensaustausch.
 

Bildungsstrategien und regionale Schulen

Die Bildungsaktivitäten der Jugend des MST sind Teil eines nationalen Prozesses zur Stärkung der Jugendorganisation rund um Agroökologie, Umweltgerechtigkeit und Territoriumsschutz. Das Projekt startete mit einem vorbereitenden Treffen in São Paulo, an dem 29 junge Führungspersonen aus 19 Bundesstaaten der fünf Regionalzonen teilnahmen. An vier Tagen wurden Inhalte, Methodik und organisatorische Strategien für die regionalen Schulen konsolidiert: Umweltpolitik, agrar- und umweltpolitische Fragen, territoriale Konflikte sowie Wassermanagement auf Grundlage tradierten Wissens.

Aus diesem Treffen gingen fünf regionale Schulen hervor, an denen insgesamt 200 Multiplikator*innen aus den fünf Regionen beteiligt waren. Diese Schulen wurden zu Organisationsräumen mit Schwerpunkt politischer Bildung und Stärkung des Jugendwiderstands gegen die Umweltkrise und die offensiven Eingriffe des Kapitals in unsere Territorien.

Der Bildungsprozess verband Lageanalysen, Debatten zur Agrar- und Umweltfrage, Agroökologie und Klimawandel mit der kollektiven Erstellung von Diagnosen und Strategien für die Territorien. Drei Projektaktivitäten bündelten sich in diesen Treffen: Umweltbildungsschulen, Schulungen zur Umsetzung gemeinschaftsbasierter Best Practices sowie Trainings zu Klima- und Umweltpolitik. Zwischen Workshops, kulturellen sowie mystischen Momenten und Räumen organisierter Arbeit stärkte die Jugend ihre Identität als kämpfende Kraft und bekräftigte ihr Engagement für die Popularen Agrarreform, den Schutz von Land, Wasser, Wäldern und Natur sowie für ein emanzipatorisches Projekt für Land und Gesellschaft — einschließlich des Kampfes für Klimagerechtigkeit.

Unser Partner – das »Movimento dos Trabalhadores Rurais Sem Terra« (MST) – spielt in Brasilien eine zentrale Rolle bei der Umsetzung der Agrarreform: Die Landarbeiter*innen-Bewegung organisiert friedliche Landbesetzungen, unterstützt die Umverteilung von Land und fördert die kollektive Landwirtschaft. Beim MST haben Bildung und Jugendarbeit eine hohe Priorität. Die Organisation verbindet Bildungsarbeit dabei direkt mit landwirtschaftlicher Praxis und sozialer Mobilisierung.

Die MST entstand in den 1970er Jahren im Süden Brasiliens als Reaktion auf die Modernisierung der Landwirtschaft, die viele Landarbeiter durch Mechanisierung ihrer Arbeit beraubte. 

Beispiele aus den Regionen

In der Nordregion fand die »Escola Norte de Educação Ambiental e Climática« im Acampamento Pedagógico Oziel Alves Pereira in Eldorado do Carajás (PA) statt. 35 junge Menschen aus Maranhão, Pará, Roraima und Tocantins diskutierten Jugendfragen, Popularreform und Umweltkrise und führten symbolische Pflanzaktionen sowie kulturelle und erinnerungspolitische Aktivitäten durch — wobei die Rolle der Jugend als Hüter*innen von Land, Wasser und Wäldern betont wurde.

Im Süden versammelte der regionale Ausbildungskurs »Che Guevara« 45 junge Menschen aus Rio Grande do Sul, Santa Catarina und Paraná am Instituto Josué de Castro in Viamão (RS). Themen waren MST-Geschichte, Agrar- und Umweltfragen, Gender, populäre Kommunikation und Agroökologie — verknüpft mit politischer Bildung, kollektiver Arbeit und kulturellen Aktivitäten.

In der Südostregion nahmen 40 junge Menschen aus Espírito Santo, Minas Gerais, Rio de Janeiro und São Paulo teil. Dort wurden Debatten zur Krise des Imperialismus, Ideologie, der Ausweitung der Agroökologie und Feldbesuche durchgeführt. Grundlage war die Methode der Brigada Nacional Oziel Alves, einer MST-Initiative zur Ausbildung von Aktivist*innen.

Im Zentralwesten trafen sich 30 junge Menschen in Goiás, um über Klimagerechtigkeit, zwischenmenschliche Beziehungen, Gender, Agrarfragen und populäre Kommunikation zu sprechen. Workshops zu Fotografie, Theater, Musik und Zeichnung stärkten organisatorische Fähigkeiten und Jugendprotagonismus angesichts ökologischer Auswirkungen auf das Land.

Im Nordosten versammelten die Bildungsaktivitäten 50 junge Menschen aus fünf Bundesstaaten. Schwerpunkt waren Agroökologie, Territoriumspflege und Klimagerechtigkeit. Politische Bildung, gemeinschaftliche Praxis und Debatten zur Umweltpolitik stärkten die Rolle der Jugend als Multiplikator*innen im Schutz von Wasser, Land und Gemeingütern sowie beim Aufbau agroökologischer Alternativen.
 

Bedeutung des Projekts für die Jugend des MST

Das Projekt »Klimagerechtigkeit – Junge Menschen Lateinamerikas fördern Umwelt- und Klimagerechtigkeit« spielt eine zentrale Rolle in der Bildungsarbeit der MST-Jugend, weil es technische und pädagogische Unterstützung bietet, um der Umweltkrise zu begegnen.

Die Initiative nutzt das über Jahrzehnte angeeignete Wissen des Bewegungsfelds zu Agroökologie und selbstorganisierter Landwirtschaft und qualifiziert die Jugend als aktive Verteidiger*innen der Natur. Diese Ausbildung ist strategisch, damit neue Generationen des MST praktische, nachhaltige Lösungen entwickeln, um ihre Lebensgrundlagen und Territorien zu schützen.

Neben fachlicher Weiterbildung stärkt das Projekt die politische Vernetzung der Jugend durch Zusammenarbeit mit indigenen Frauenorganisationen in Peru und Umweltorganisationen in Kolumbien. Dieser regionale Erfahrungsaustausch und Kompetenztransfer festigt den gemeinsamen Kampf für Klimagerechtigkeit und ermöglicht es den jungen Aktivist*innen, ihre Einflussarbeit auf nationaler und regionaler Ebene zu vervielfältigen. Indem die Jugend in eine organisierte und vernetzte Struktur eingebunden wird, stärkt das Projekt Forderungen nach einer umfassenden Agrarreform und nach Umweltschutz, erhöht Sichtbarkeit und politische Schlagkraft und sichert die nachhaltige Fortführung sozialer und ökologischer Kämpfe des Movimentos auf lange Sicht.