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terre des hommes vermittelt keine Kinderpatenschaften. Warum nicht?

Viele Menschen übernehmen eine Kinderpatenschaft, weil sie konkrete Hilfe leisten möchten: Ein Kind in Afrika oder Lateinamerika unterstützen, seine Ausbildung sichern und damit in seine Zukunft investieren. Die Vorteile liegen scheinbar auf der Hand. Die Spenderin oder der Spender weiß genau, wohin sein Geld fließt, und übernimmt mit der persönlichen Bindung zum Patenkind »echte Verantwortung«. Manchmal bekommt sie oder er sogar Briefe von dem Patenkind.

Auch die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter von terre des hommes erhalten jeden Monat Anfragen nach Kinderpatenschaften. Oft sind die Menschen enttäuscht, weil wir grundsätzlich keine Kinderpatenschaften vermitteln und auch nicht mit ihnen werben.

Als Kinderhilfswerk mit jahrzehntelanger Erfahrung hat terre des hommes diese wichtige Entscheidung bewusst getroffen. Kinderpatenschaften sind unserer Ansicht nach nicht vereinbar mit der öffentlichen Darstellung unserer bewährten Prinzipien einer wirksamen und nachhaltigen Entwicklungsarbeit.

Hilfe muss sich am Gemeinwesen orientieren

Bereits in den siebziger und achtziger Jahren gab es unter den Hilfsorganisationen eine breite Debatte über die Vermittlung von Patenschaften. Kritisiert wurde damals vor allem, dass

  • eine Patenschaft Einzelfallhilfe ist, die sich nicht mit den Ursachen von Armut und Entwicklungsproblemen auseinander setzt,
  • Patenschaften Kinder isolieren und Neid erzeugen,
  • Kinder im Rahmen von Patenschaften in Heimen untergebracht und damit familiäre und soziale Strukturen zerstört würden,
  • Patenschaften einen hohen Verwaltungsaufwand verursachen und damit teuer sind.

Aus diesen Gründen hat terre des hommes bereits 1975 - nicht zuletzt auf Wunsch seiner Projektpartnerinnen und -partner - beschlossen, Patenschaftsprogramme einzustellen.

Längst besteht Einigkeit darüber, dass sich wirksame Hilfe am Gemeinwesen orientieren und Selbsthilfe fördern muss. Nur eine gleichberechtigte Entwicklungspartnerschaft kann langfristig Erfolg haben. Eine Beschränkung auf Einzelfallhilfe hat in diesem Verständnis wenig Platz. Ein kleines Beispiel: Statt nur einem einzelnen Kind den Schulbesuch zu ermöglichen, ist es sinnvoller, eine Dorfschule instand zu setzen und Lehrkräfte aus- und weiterzubilden.

Patenschaften oder Projektförderung?

Kinderpatenschaften appellieren an unsere Gefühle, unseren Beschützerinstinkt und unsere Spendenbereitschaft. Das wird dann problematisch, wenn die Werbung mit ihnen einen falschen Eindruck von der Hilfe vor Ort entstehen lässt. Wenn für Einzelpartnerschaften geworben wird, praktisch aber Projektförderung stattfindet, kann terre des hommes das nicht vertreten. Auch deshalb werben wir nicht mit Patenschaften, sondern lassen keinen Zweifel an der Tatsache, dass wir immer Gruppen und Gemeinschaften von Menschen unterstützen - seien es Schülerinnen und Schüler, Dorfgemeinschaften oder Menschen, die sich für die Rechte anderer einsetzen. terre des hommes ist Träger des DZI-Spendensiegels, das einen verantwortungsvollen Umgang mit Spendengeldern bestätigt. Als wichtiges Vergabekriterium ist u.a. die »wahre, eindeutige und sachliche Werbung in Wort und Bild« genannt. Diesem Kriterium fühlt sich terre des hommes in seiner Berichterstattung und in der Wahl seiner Werbemittel verpflichtet.

Hilfe darf keine Konkurrenz fördern

terre des hommes macht in seiner Öffentlichkeitsarbeit darüber hinaus deutlich, dass Hilfe so geleistet wird, dass keine Konkurrenz unter den Empfängerinnen und Empfängern von Hilfsleistungen gefördert wird. Wichtig ist dabei besonders, dass

  • das Engagement der Menschen in den Projekten deutlich wird. Sie sind keine Almosenempfängerinnen oder -empfänger, sondern können dank unserer Unterstützung ihr Schicksal selbst in die Hand nehmen.
  • lokale Partnerorganisationen, mit denen wir vor Ort eng zusammenarbeiten, in dieser Darstellung nicht zu kurz kommen.
  • auch die Ursachen von Armut und Konflikten benannt werden.

terre des hommes geht es nicht um schnelle, medienwirksame Erfolge, sondern um wirksame und nachhaltige Veränderungen.

Weitere Informationen

Eine kritische Bestandsaufnahme der öffentlichen Darstellung von Kinderpatenschaften hat vor einigen Jahren die Erziehungswissenschaftlerin Prof. Dr. Annette Scheunpflug von der Universität Erlangen-Nürnberg in einer Studie vorgelegt. Annette Scheunpflug, Inhaberin des Lehrstuhls für Pädagogik, ist darin der Frage nachgegangen, welchen Einfluss die Werbung für Kinderpatenschaften auf das Bild der Entwicklungszusammenarbeit in der deutschen Öffentlichkeit hat.

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