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Simbabwe braucht Heilung

Am 30. Juli wird in Simbabwe gewählt. Nach 37 Jahren autoritärer Mugabe-Herrschaft und einer kurzen Übergangszeit seit November 2017 besteht endlich Hoffnung auf Demokratie und Menschenrechte. Über die Stimmung im Land sprachen wir mit Pascal Masocha, Direktor der Coalition against Child Labour (CACLAZ). CACLAZ ist eine simbabwische Organisation, die sich für arbeitende Kinder einsetzt und seit Jahren eng mit terre des hommes zusammenarbeitet.

Herr Masocha, hat es Sie überrascht, als Mugabe im November letzten Jahres abgesetzt wurde?

In der Tat. Es war eine große Überraschung. Auf den Straßen wurde gejubelt. Niemand hatte damit gerechnet. Aber fast alle hatten seine Tyrannei satt. In Simbabwe wollen wir nur eines: faire Wahlen, damit endlich der Wiederaufbau beginnen kann.

Was hat sich seitdem geändert?

Es gibt mehr Raum für politische Diskussionen, die Menschen fangen an, ihre Meinung zu sagen. Die Polizei, die immer ein Repressionsapparat war, toleriert nun andere Ansichten. Die meisten Anhänger Mugabes sind nicht mehr an der Macht. Der neue Präsident Emmerson Mnangagwa hat andere Leute mit neuen Ideen eingesetzt. Sicher ist er mit Vorsicht zu genießen: Lange Zeit hat Mnangagwa mit Mugabe zusammengearbeitet, und er war in politische Gewalt involviert. Aber er versucht offenbar, sich zu ändern und setzt sich in seinen Aussagen von seinem Vorgänger ab. Seine Regierung unterstützt nun Meinungsfreiheit und den demokratischen Wandel.

Werden die Wahlen fair sein?

Wir sind auf einem guten Weg, aber Vieles muss noch besser werden: Die Oppositionsparteien fordern Reformen des Wahlrechts, beispielsweise gleichen Zugang zu den Medien, besonders zum Fernsehen. Hier ist die Regierungspartei immer noch klar im Vorteil. Derzeit kümmern sich Gerichte um diese Anliegen, die Wahlkommission verspricht ebenfalls ein verantwortungsvolles Vorgehen. Wir müssen abwarten, wie sie Veränderungen umsetzen. Aber wir sind optimistisch, dass es am 30. Juli einigermaßen fair zugehen wird.

Wer, glauben Sie, wird die Wahlen gewinnen?

Mit sehr hoher Wahrscheinlichkeit wird keine Partei die absolute Mehrheit erreichen. Es wollen mehr als 120 Parteien antreten. Die größte Oppositionspartei MDC (Movement for Democratic Change) hat sich in mehrere kleine Splittergruppen gespalten. Auch die Regierungspartei ZANU-PF hat Spaltungen erlebt. Ich gehe davon aus, dass die nächste Regierung eine Regierung der nationalen Einheit wird. Es werden Kompromisse gemacht werden müssen.

Großen Einfluss auf den Ausgang der Wahlen haben die jungen Wähler. Während jedoch die städtische Jugend weiß, was sie will und die Opposition unterstützt, macht sich die Jugend auf dem Land nicht bemerkbar. Viele haben keine Arbeit, sind leichtgläubig und lassen sich mit Bier oder T-Shirts schnell überzeugen.

Welche Rolle hat die Zivilgesellschaft?

Die Zivilgesellschaft ist für meinen Geschmack zu still im Moment. Sie hat den gemeinsamen Feind Mugabe verloren, muss sich nun neu aufstellen und ihre Anliegen definieren. Dabei gibt es viel zu tun: zum Beispiel sich gemeinsam mit den Oppositionsparteien für Wahlrechtsreformen einsetzen oder Registrierungs- und Informationskampagnen durchführen, damit möglichst viele Leute wählen gehen und ihre Rechte kennen. Aber das passiert kaum.

Welche Rolle hat die internationale Gemeinschaft?

Die internationale Gemeinschaft hat eine sehr wichtige Rolle: Damit wir unsere Wirtschaft aufbauen und Arbeitsplätze schaffen können, brauchen wir ausländische Direktinvestitionen. Wir brauchen Anleihen vom IWF (Internationaler Währungsfonds) und von der Weltbank. Simbabwe muss endlich aufhören, ein Paria-Staat zu sein. Auch jetzt bei den Wahlen ist die internationale Gemeinschaft gefragt: Internationale Wahlbeobachter sind zugelassen und die EU wird kommen, auch Vertreter der afrikanischen Staatenbündnisse AU und SADC und anderer Institutionen, die freie und faire Wahlen sehen wollen.

Was sind nach den Wahlen die wichtigsten Aufgaben?

Wir müssen die Industrie wieder in Gang bringen, um Arbeitsplätze zu schaffen. Wir müssen die extremen Einkommensunterschiede zwischen Arm und Reich verringern. Es muss Chancengleichheit geben – für Arm und Reich, für Mann und Frau. In Simbabwe leben viele Menschen von weniger als einem US-Dollar am Tag, eines von fünf Kindern arbeitet, anstatt zur Schule zu gehen.

In welchen Bereichen arbeiten die Kinder?

Die Kinder auf dem Land schuften auf Tabakfarmen, Baumwollfeldern oder Maisfeldern. In der Stadt verkaufen sie zum Beispiel Süßigkeiten oder Wasser. Sie betteln und die Mädchen arbeiten als Haushaltshilfe oder prostituieren sich. Das sind schlimme Zustände. Wir versuchen – mit Hilfe von terre des hommes – diesen Kindern zu helfen. Wir überzeugen sie, dass Schule und Bildung wichtig sind, geben ihnen Ratschläge und Orientierung. Wir unterstützen auch ihre Familien, so dass sie auf den Zuverdient der Kinder verzichten können. Und wir reden mit der gesamten Gemeinschaft und erklären, welche Arbeit einem Kind Schaden zufügt und welche nicht.

Welches sind die Hauptursachen für Kinderarbeit?

In Simbabwe leben viele Waisenkinder, die beide Eltern durch AIDS verloren haben. Darüber hinaus gibt es viel Armut, viele Familien können die Schulgebühr für ihre Kinder nicht bezahlen. Andere messen der Schule keine Bedeutung bei. Sie denken: Es macht mehr Sinn, wenn ein Kind lernt, die Herde zu hüten. Wir wollen die Schulbildung in ein positives Licht stellen. Allerdings ist das angesichts der hohen Arbeitslosigkeit nicht einfach: So mancher Jugendliche geht an die Universität und kommt als Arbeitsloser zurück. Da denken viele, Bildung ist nutzlos.

Wie sehen Sie die Zukunft in Simbabwe?

Eigentlich kann es nur besser werden. Gegenwärtig ist unsere Wirtschaft ein Scherbenhaufen. Die Arbeitslosigkeit liegt bei 80 Prozent und Simbabwe hat nicht einmal eine eigene Währung. Die Infrastruktur ist in einem schlimmen Zustand, die Straßen sind voller Schlaglöcher. Viele Simbabwer sind traumatisiert von den Menschenrechtsverletzungen, die sie in der Vergangenheit erleben mussten. Simbabwe ist eine Nation, die geheilt werden muss und zwar in jeder Hinsicht: ökonomisch, sozial, politisch. Wir sind optimistisch. Nach den Wahlen können wir auf eine stabile Regierung hoffen, die endlich die sozialen und ökonomischen Probleme unseres Landes angeht.

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