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Allein in der Fremde

Kiel: Der Verein »lifeline« hilft unbegleiteten jungen Flüchtlingen

Samir* faltet den Zettel auseinander. Auf der Vorderseite ist eine Adresse notiert. Die handgezeichnete Karte auf der Rückseite zeigt den Weg dorthin. Seit der 17-Jährige und sein jüngerer Bruder Said* vor vier Monaten in Deutschland ankamen, trägt er diesen Zettel ständig bei sich. Dabei würden sie den Weg zum Vormundschaftsverein lifeline längst im Schlaf finden. Lifeline heißt übersetzt »Sicherungsleine«.

»Frau Beate hat uns so viel geholfen«, sagt der junge Afghane und lächelt. Beate Ahr arbeitet mit einer Kollegin in dem Projekt »Klar Kimming«, das ist Plattdeutsch für »Klare Sicht«. Sie beraten und betreuen Jugendliche, die ohne ihre Eltern nach Deutschland geflüchtet sind, hier »eine Perspektive zu entwickeln«, so die erfahrene Mitarbeiterin. Für die Unterbringung und pädagogische Betreuung der sogenannten »unbegleiteten minderjährigen Flüchtlinge« ist das Jugendamt zuständig. Das Klar-Kimming-Team unterstützt mit Hilfe von terre des hommes die Jugendlichen darin, einen Aufenthaltsstatus zu erlangen, der ihnen über den Schulabschluss und die Berufsausbildung hinaus eine sichere Zukunft ermöglicht. Im Jahr 2015 sind etwa 30.000 unbegleitete minderjährige Flüchtlinge nach Deutschland gekommen, doppelt so viele wie im Vorjahr. Unter ihnen Samir und Said, die vor acht Monaten Hals über Kopf das elterliche Haus in Kabul verlassen mussten, nachdem ihre Eltern und der ältere Bruder ermordet worden waren. Ihre Flucht führte sie über die Türkei und Ungarn nach Deutschland. Als sie in die schleswig-holsteinische Landeserstaufnahme in Neumünster kamen, drückte ihnen eine Helferin jenen Zettel mit der Adresse von lifeline in die Hand.

Schulbesuch und Familienanschluss

In Kiel führte der erste Weg der Brüder zur angegebenen Adresse. »Ich wollte ganz schnell anfangen, Deutsch zu lernen«, erzählt Samir. Er hatte Glück: Weil die Deutschklassen in den Berufsschulen überfüllt waren, hatte Beate Ahr gemeinsam mit einem Sprachkursträger einen Kurs an einer berufsbildenden Schule organisiert. Schon am folgenden Morgen begleitete sie die Brüder zum Kurs.  Seitdem paukt Samir Deutsch. »Ich habe mir vorgenommen, in sechs Monaten Deutsch zu sprechen«, sagt er mit fester Stimme. »Dann möchte ich weiter zur Schule gehen und das Abitur machen.« Schon als kleiner Junge träumte er davon, Arzt zu werden. Die Voraussetzungen sind gut: Obwohl Kabul immer wieder von Anschlägen erschüttert wurde – die Narben einer Explosion zeichnen Samirs Arm noch heute – ist er neun Jahre zur Schule gegangen und spricht gut Englisch.

Während der ältere Bruder motiviert in die Zukunft schaut, wird der 16-jährige Said von den Bildern der Vergangenheit verfolgt. Zu tief sitzt der Schock über den Tod der Eltern. »Um ihn mache ich mir Sorgen«, sagt Beate Ahr. »Für traumatisierte Jugendliche müssen wir schnell eine Alltagsstruktur schaffen. Schulbesuch und Familienanschluss sind dabei sehr wichtig.« Deshalb hat ihre Kollegin den Brüdern einen ehrenamtlichen Vormund vermittelt. Für den ehemaligen Hochschulprofessor Konrad Groß ist dies die vierte Vormundschaft. Er versteht es, eine Beziehung zu diesen Jungen aufzubauen.

Auf der Flucht durch die libysche Wüste

Aaliyah* aus Somalia gehört zu den sehr wenigen jungen Frauen, die alleine nach Deutschland geflüchtet sind. Die 16-Jährige ist selbstbewusst und lebensfroh, in ihrer ostafrikanischen Heimat sah sie keine Zukunft. Seit die Islamisten der Al-Shabaab-Miliz an Einfluss gewinnen, werden Frauen vom öffentlichen Leben ausgesperrt, Mädchen früh verheiratet. Aaliyah wünschte sich sehnlichst, zur Schule zu gehen, um später als Krankenschwester zu arbeiten. Doch seit dem frühen Tod ihrer Eltern lebte sie bei Verwandten, ein Onkel brachte ihr lesen und schreiben bei. Viele Monate dauerte ihre Flucht durch die libysche Wüste und über das Mittelmeer. In Deutschland angekommen, wurde sie in einem kleinen bayrischen Dorf untergebracht. Doch selbst hier durfte sie nicht zur Schule gehen. Die Behörden hatten ihr Alter auf 18 Jahre geschätzt. »Dafür bin ich nicht auf die lange und gefährliche Reise gegangen«, dachte sich Aaliyah – und machte sich wieder auf den Weg. Sie landete in Kiel und schließlich im Büro von lifeline. Beate Ahr vermittelte ihr sehr bald eine ehrenamtliche Deutschlehrerin und half ihr bei der Suche nach einem Sprachkurs. Die junge Somalierin durfte schließlich in einer Kieler Jugendhilfeeinrichtung bleiben und stellte ihren Asylantrag. Doch aufatmen mag sie noch immer nicht. »Ich habe gehört, dass Somalier wieder abgeschoben werden«, erzählt sie besorgt. Beate Ahr versucht zu beruhigen. »Du hast nun erst einmal Zeit, die Schule zu besuchen, und danach eine Ausbildung zu absolvieren«, sagt sie. »Viele Jugendliche sprechen nach zwei Jahren gut Deutsch und sind integriert.« Wer dann noch wie Aaliyah an Spendenläufen, Kletterevents und Nähkursen teilnimmt und Bescheinigungen für diese »Integrationsleistungen« vorlegen kann, habe gute Chancen, ein Bleiberecht zu bekommen.

Michaela Ludwig

* Name von der Redaktion geändert

28.02.16

Auch terre des hommes-Ehrenamtliche setzen sich tatkräftig für Flüchtlinge ein und tragen so ihren Teil dazu bei, dass Integration gelingt. Lesen Sie mehr dazu unter unserer Rubrik So schaffen wir das

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