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»Problemfamilien gibt es nicht …«

Ein Besuch in den Kindertagesstätten von XENIA in Wiesbaden

An ganz normalen Tagen sitzen die Kinder schon früh am Morgen in einem Stuhlkreis zusammen. Es gibt viel zu besprechen. Oder es wird gesungen, so wie in vielen Kindergärten in Deutschland. Doch hier, in der Kindertagesstätte in der Wiesbadener Adlerstraße, ist einiges anders. Hier singen die Kinder auch mal türkisch, tanzen griechisch, essen portugiesisch oder hören Geschichten aus der ganzen Welt in deutscher Sprache. Während die Jungen und Mädchen sich auf den neuen Tag einstimmen, sind die Kinder in der Einrichtung in der Steingasse noch intensiv mit ihrem Frühstück beschäftigt. Beide Kindertagesstätten gehören zu XENIA, einer Einrichtung, die sich seit vielen Jahren um Kinder im Wiesbadener Bergkirchenviertel kümmert.

Heute ist es still in den Räumen. Wo sich sonst die Kinder tummeln, herrscht gähnende Leere. Es sind Ferien, beide Kindertagesstätten sind geschlossen. terre des hommes-Vorstandssprecher Jörg Angerstein möchte die Ferienzeit nutzen, sich bei einem Besuch ausführlich über die Arbeit, die Angebote und das pädagogische Konzept von XENIA zu informieren. Zwar wird das Projekt schon seit vielen Jahren von terre des hommes gefördert, doch möchte Jörg Angerstein, dass beide Partner ihre Beziehungen intensivieren und in Zukunft den Austausch über gemeinsame Arbeit vertiefen. Für heute hat er sich deshalb mit Dagmar Hansen, Geschäftsführerin der Einrichtungen, im KITA-Gebäude in der Steingasse verabredet.

Freundlich empfängt Dagmar Hansen den Gast aus Osnabrück bereits vor der Eingangstür. Danach geht es über eine Treppe ins obere Stockwerk. Hier befinden sich die Gruppenräume der Kinder und ein Besprechungsraum für die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. Obwohl das Gebäude schon seit Jahren als Kindertagesstätte genutzt wird, riecht es überall so, als seien die Räume erst vor wenigen Tagen renoviert worden.

Es gibt viel zu berichten

Es bedarf nicht vieler Worte, um Dagmar Hansen Infos über die Arbeit von XENIA zu entlocken. Das Lachen in ihrem Gesicht verrät, wie sehr sie sich mit der Arbeit der Einrichtung identifiziert. Es gibt viel zu erzählen. Zum Beispiel vom diesjährigen Jubiläum, von der langen Geschichte der KITA im Bergkirchenviertel, der Zusammenarbeit mit der Stadt. Und es geht vor allem um die Arbeit mit den Kindern und den Eltern sowie darum, welche Sorgen und Nöte die Bewohner des Viertels haben. Aber der Reihe nach.

»Eigentlich ist Wiesbaden eine sehr reiche Stadt«, sagt die XENIA-Geschäftsführerin. Aber, wie in jeder Stadt, gibt es auch in Wiesbaden Stadtteile, in denen sozial schwächere Menschen wohnen, die von Sozialhilfe oder Arbeitslosengeld leben müssen. Nicht für alle Menschen seien die Mieten in Wiesbaden erschwinglich. Das Bergkirchenviertel ist einer der Stadtteile, wo die Mieten noch bezahlbar sind.« Viele Bewohner haben einen Migrationshintergrund. Zahlreiche Familien sind als Flüchtlinge nach Deutschland gekommen und haben im Bergkirchenviertel ein neues Zuhause gefunden. Andere sind als Gastarbeiter nach Wiesbaden gekommen und haben sich damals in diesem Viertel angesiedelt. Auch deutsche Familien leben im Bergkirchenviertel. So sei es auch kein Wunder, dass die Kinder in den beiden Tagesstätten aus den unterschiedlichen sozialen und kulturellen Milieus des Viertels stammen. Führt das nicht zu Spannungen?

Ein multikulturelles Umfeld

»Sicher gibt es hier soziale Spannungen«, sagt Dagmar Hansen. »Doch Problemfamilien gibt es hier nicht, sondern nur Familien, die Probleme haben.« Zum Beispiel mit Behörden, mit der Sozial- oder Arbeitslosenhilfe, oder mit der Erziehung und Unterbringung ihrer Kinder. Davon betroffen seien eben nicht nur Menschen mit Migrationshintergrund, sondern auch junge deutsche Familien. Die Geschäftsführerin nennt als Beispiel alleinerziehende Mütter, die froh seien, ihre Kinder in die KITA bringen zu können, weil sie tagsüber noch eine Berufsausbildung absolvieren müssten.

Obwohl viele Familien von Sozialhilfe leben, ist der Besuch der KITA nicht kostenlos. Für Kinder unter drei Jahren müssen die Eltern 160 Euro pro Monat zahlen, 250 Euro kostet der Besuch ab dem dritten Lebensjahr. Dafür bietet XENIA eine ganztägige Betreuung inklusiv Komplettverpflegung mit Frühstück und Mittagessen für alle Jungen und Mädchen.

Für viele Familien ist XENIA aber nicht nur eine Kindertagesstätte, sondern auch eine Anlaufstelle für alle möglichen Fragen des Alltags. Zum Beispiel, wenn aufgrund von Sprachschwierigkeiten der Umgang mit Behörden zum Problem wird. Der »Lese- und Schreibservice« unterstützt die Betroffenen bei der Durchsetzung ihrer Anliegen. Außerdem können Erwachsene an Bildungskursen teilnehmen. Eine Möglichkeit, die sehr viele Frauen in Anspruch nehmen. Während ihre Kinder in einer der beiden KITA-Einrichtungen betreut werden, haben die Mütter die Chance, an Sprach- und Fortbildungskursen teilnehmen.

Elternarbeit ist wichtig

Großen Wert legen die XENIA-Mitarbeiterinnen auf die Einbeziehung der Eltern in die Arbeit. Das sei, so Hansen, zum Beispiel notwendig, wenn es Schwierigkeiten zwischen Kindern gibt oder ein Kind sich auffällig verhält. Hier seien die Eltern ein wichtiger Teil bei Überwindung der Schwierigkeiten. Zu Diskussionsstoff zwischen Eltern und XENIA-Mitarbeitern können auch unterschiedliche Vorstellungen über die Erziehung der Kinder führen, die dann gemeinsam besprochen werden müssten. Inhaltlich gehe es bei diesen Diskussionen nicht darum, dass die Eltern auf eine unterschiedliche Behandlung von Jungen und Mädchen Wert bestehen würden. »Im Gegenteil«, sagt Geschäftsführerin Dagmar Hansen. »Wir haben vielmehr festgestellt, dass die Eltern ein großes Interesse daran haben, dass ihre Töchter die gleiche Aufmerksamkeit und Betreuung wie ihre Söhne erfahren.«

Durch den täglichen Umgang miteinander spüren die Mitarbeiterinnen von XENIA sehr genau, wenn es in den Familien Spannungen gibt. »Es ist ja klar, dass Schwierigkeiten in der Familie oder unter den Bewohnern des Viertels irgendwann durch die Kinder auch in die KITA getragen werden. Dort können sie Auslöser von Konflikten werden«, erklärt Dagmar Hansen.

Ein Integrationsmodell?

Obwohl im Wiesbadener Bergkirchenviertel Menschen und Familien aus ganz unterschiedlichen Kulturen leben, versteht XENIA sich nicht als Integrationsprojekt für Menschen mit Migrationshintergrund. Dazu sagt Geschäftsführerin Hansen: »Zwar leben hier Menschen unterschiedlicher Herkunft und Kultur, trotzdem sind es nicht alles Zuwanderer oder Menschen mit Migrationshintergrund. Gerade deshalb richtet sich unser Angebot an alle Familien, die hier im Bergkirchenviertel leben und miteinander auskommen müssen.«

Ein wichtiges Ziel von XENIA ist es, die Sprachentwicklung der Kinder mit spielerischen Mitteln zu fördern. Auf dem Programm stehen dazu Exkursionen, Bastelnachmittage oder Geschichten erzählen. Es gehe um Sprachentwicklung, Erziehung und die Förderung der Kinder, wie Dagmar Hansen betont. Gleichwohl verstehe man sich nicht, wie dies in anderen Kindergärten üblich sei, als Einrichtung, die die Kinder mit festen Lehrinhalten auf den Schulbesuch vorbereiten wolle. Das Spielen und Erleben müsse im Mittelpunkt stehen. Zu diesen Erlebnissen gehören auch die Lesestunden. Zu diesem Zweck kommen Ehrenamtliche in die KITA, um den Kindern Geschichten vorzulesen. Es gibt zahlreiche Freiwillige, die sich bei XENIA auf diese oder ähnliche Weise engagieren. Für die XENIA-Mitarbeiterinnen ist diese Unterstützung nicht nur eine Entlastung, sondern auch eine Wertschätzung und Anerkennung für ihre Arbeit im Viertel.

Ein Besuch im Zoo und mehr

Zu den zahlreichen Höhepunkten des Jahres gehören die gemeinsamen Feste, zu denen Kinder, Eltern und Bewohner des Viertels zusammenkommen. So findet alljährlich ein Sommerfest statt. Gut besucht ist auch das »KIEZ-Elterncafé«, das Vätern und Müttern die Möglichkeit der Unterhaltung und Entspannung bietet. Ebenfalls zum Angebot gehören gemeinsame Familienfreizeiten. So erzählt XENIA-Geschäftsführerin Hansen begeistert vom letzten Ausflug, der alle Beteiligten in den Frankfurter Zoo führte. Noch immer würde sie auf dieses spannende Ereignis angesprochen und um weiteren Ausflüge gebeten.

XENIA ist zwar nicht die einzige Kindertagesstätte in Wiesbaden, doch kann diese Einrichtung auf eine sehr lange Erfahrung zurückblicken. Entsprechend wird die Arbeit von der Stadt Wiesbaden sehr geschätzt. Kein Wunder also, dass die Stadt die Mitarbeiterinnen von XENIA kürzlich gebeten hat, eine weitere Einrichtung im Bergkirchenviertel zu eröffnen, denn es besteht dringender Bedarf an Kindertagesstätten mit qualifiziertem Personal. Es ist denn auch kein Zufall, dass ausgerechnet XENIA mit dieser Aufgabe betraut wurde. Die XENIA-Geschäftsführerin ist bereits auf der Suche nach geeigneten Räumlichkeiten.

Am Ende zurück zum Anfang

Zum Ende des Gesprächs kommt Dagmar Hansen noch einmal auf die wechselvolle und spannende Geschichte des Projekts zu sprechen. Das ist kein Zufall, denn im Jahr 2017 feiert XENIA den 15. Geburtstag. Doch wer mehr über die Ursprünge des Projektes wissen will, muss tiefer in den Geschichtsbüchern blättern. Bereits im Jahre 1973 gründeten terre des hommes-Ehrenamtliche eine Einrichtung im Bergkirchenviertel mit dem Namen »KITA Wiesbaden«. Damals sprach man in Deutschland noch von »Ausländerarbeit« und »Betreuung von Gastarbeiterkindern«. Ziel des Projektes war es Integrationschancen der Kinder aus Gastarbeiterfamilien zu verbessern. terre des hommes hat die KITA schon in der Anfangszeit finanziert, doch war die Zusammenarbeit, wie Leiterin Hansen sagt, nicht immer konfliktfrei. Um die Kommunikationsschwierigkeiten auszuräumen und die institutionelle Anbindung an terre des hommes zu verbessern, wurde die KITA vor 15 Jahren in eine gemeinnützige Gesellschaft namens XENIA überführt. Seither ist terre des hommes Hauptgesellschafter.

Allmählich nähert sich der Besuch dem Ende zu. Jörg Angerstein bedankt für das interessante Gespräch. Er hoffe, dass es in Zukunft häufiger Gelegenheit geben werde, sich über die Arbeit und gemeinsamen Ziele auszutauschen. Damit verbunden sei der Wunsch, das Projekt im Verein bekannter zu machen. Vielen Mitgliedern von terre des hommes sei wenig über die Arbeit von XENIA bekannt. Umgekehrt wäre es auch eine große Chance, sich gemeinsam über Fragen der Kinderrechte auszutauschen, wie Jörg Angerstein betont. »Dieses wunderbare Projekt im Portfolio, ja sogar in eigener Trägerschaft zu haben, erfüllt mich mit Stolz, da eine KITA immer ein Spiegel der Gesellschaft ist und somit als sozialer Seismograph wirkt.«

Michael Heuer

 

13.09.2017

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