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»Wir müssen ein Vokabular verwenden, das die Machthaber akzeptieren können«

Interview über die Arbeit für Kinder- und Frauenrechte unter dem Taliban-Regime

Um Projekte für die Rechte von Kindern und Frauen durchführen zu können, sind die terre des hommes-Partnerorganisationen auf Unterstützung von religiösen Führern und lokalen Behörden angewiesen. Der Umgang mit ihnen erfordert viel Fingerspitzengefühl – nicht erst seit der Machtübernahme durch die Taliban. Die Mitarbeiterinnen des »Afghan Women Educational Centre« (AWEC) haben damit viel Erfahrung. Im Interview berichtet eine von ihnen über die Herausforderungen der Arbeit für Frauen und Kinder nach der Machtübernahme der Taliban.

Wie geht es den Mädchen und Frauen in Afghanistan nach neun Monaten Taliban-Regierung?

Ihre Rechte sind stark eingeschränkt. Mädchen dürfen in der Regel keine höheren Schulen oder Hochschulen besuchen, Frauen sind von den meisten Arbeitsplätzen ausgeschlossen. Einige wenige arbeiten aber immer noch, zum Beispiel in Nichtregierungsorganisationen oder in Krankenhäusern.

Ein großes Problem ist das sogenannte Mahram: Frauen dürfen nur noch in Begleitung von männlichen Verwandten oder Ehemännern auf die Straße. Dadurch kommen sie oft nicht rechtzeitig zum Arzt, ganz zu schweigen von ihrer Teilnahme am öffentlichen Leben, an Bildungs- oder Einkommensmöglichkeiten. Die Taliban haben das »Ministerium für Frauen-Angelegenheiten« abgeschafft und das »Ministerium für die Verbreitung von Tugend und die Verhinderung von Lastern« wieder eingesetzt. Viele Frauen berichten, dass sie wegen ihrer Proteste gegen die Einschränkung von Frauenrechten bedroht wurden.

Arbeiten bei AWEC immer noch die gleichen Leute wie vor einem Jahr oder mussten einige das Land verlassen?

Einige haben das Land verlassen. Sie unterstützen und beraten die neu eingestellten Kolleg*innen manchmal von außen.

Welche Rolle spielen die religiösen Führer und die Schuras, also die Islam-Räte, für die erfolgreiche Durchführung des Projektes?

Deren Rolle ist sehr wichtig, besonders in den ländlichen Gebieten. Denn ihren Aussagen wird in den Gemeinden große Bedeutung beigemessen. Unsere Kolleg*innen treffen sich oft mit religiösen Führern, um zum Beispiel über Kinderheirat oder über Gewalt gegen Frauen und Kinder zu diskutieren. Erfreulicherweise haben die Schuras unsere Arbeit unterstützt. Unsere Beziehungen zu ihnen haben sich auch nach der Machtübernahme durch die Taliban bewährt.

Und die lokalen Behörden? Haben sich die Regeln und Angstellten nach der Machtübernahme durch die Taliban verändert?

In den meisten Fällen ja. Aber wir arbeiten trotzdem mit ihnen zusammen. Wir respektieren die kulturellen Werte und Bräuche der Gemeinschaften und versuchen, Frauen- und Kinderrechte im Rahmen der islamischen Religion zu verorten, um die Kommunikation mit den De-facto-Behörden zu erleichtern.

Ein wichtiger Teil des terre des hommes-Projekts ist die Bildung für Mädchen und Frauen. Mussten Inhalte und Art des Unterrichts verändert werden?

In der Provinz Paktika laufen unsere Grundschulkurse sowohl für Mädchen als auch für Jungen wie geplant. Denn glücklicherweise gibt es keine Beschränkungen für die Grundschul-Bildung von Mädchen. Bisher haben sich die lokalen Behörden nicht eingemischt. Aber sie wünschen sich, dass wir die islamischen Werte im Unterricht berücksichtigen.

Und die älteren Mädchen?

Frauenrechtlerinnen und Familien üben Druck auf die Taliban aus, damit die Sekundarschulen für Mädchen wieder geöffnet werden. Mädchen müssen etwas lernen und verdienen es, dabei unterstützt zu werden. Aber leider haben die Taliban bis jetzt keine klaren Aussagen dazu getroffen.

Zum Projekt gehören auch neunmonatige Hochschul-Vorbereitungskurse  …

Wir haben damit begonnen, aber den Mädchen ist es bisher leider nicht gestattet, daran teilzunehmen. Wir hoffen, dass sich dies bald ändert und wir in Zukunft auch Mädchen in den Klassenzimmern sehen.

Ein anderer Teil des Projektes ist die Lehrerfortbildung zu Kinder- und Frauenrechten…

Das haben wir erfolgreich durchgeführt. Auch in den Bereichen Didaktik, Unterrichtsplanung, Klassenmanagement und Kinderschutz konnten wir viele Lehrer*innen weiterbilden.

In welchen Berufen werden Frauen ausgebildet?

Wir bilden Frauen im Schneider- und Stickhandwerk aus. Dabei gibt es keine Hindernisse.

Wie viele Binnenvertriebene leben derzeit in Afghanistan?

Einem Bericht des UN-Flüchtlingshilfswerks UNHCR zufolge gibt es derzeit mehr als 2,6 Millionen afghanische Flüchtlinge auf der ganzen Welt und mehr als 5,5 Millionen Menschen, die aufgrund des Konflikts innerhalb des Landes vertrieben wurden. In der Provinz Paktika haben sich die Migrationsbewegungen nach der Machtübernahme der Taliban nicht wesentlich verändert. Nur wenige Vertriebene sind in ihre Heimat zurückgekehrt, als sich die Sicherheitslage dort verbesserte.

Wie ist die Situation der Binnenvertriebenen und Rückkehrer?

Sie leiden unter Ernährungsunsicherheit, Armut, Klimaschwankungen und einem Mangel an Bildungseinrichtungen. Die Taliban-Regierung kümmert sich nicht um sie, und viele internationale Hilfsorganisationen haben Afghanistan verlassen.

AWEC wollte viele Kampagnen durchführen: zum Beispiel für die Bildung von Mädchen, gegen die körperliche Züchtigung in Schulen, gegen Kinderheirat und gegen Kinderarbeit. Ist dies derzeit möglich?

Ja, es ist immer noch möglich. Wir müssen aber ein Vokabular verwenden, das die Machthaber akzeptieren können.

20.06.2022

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