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»Sie meinen, ich verderbe ihre Frauen«

Gespräch über ein Frauenprojekt in Afghanistan

»Meine Arbeit ist schon immer sehr schwierig gewesen. Aber seit der Machtübernahme der Taliban werden wir noch dreister angefeindet. Die Taliban-Anhänger drohen mir und auch meiner Familie. Es heißt, ich würde die Frauen auf falsche Gedanken bringen und ihr Verhalten ändern wollen. Sie meinen, ich verderbe ihre Frauen.«

Samira* arbeitet in einem terre des hommes-Projekt in zwei armen Vororten von Kabul: Rund 150 Frauen lernen hier lesen, schreiben und rechnen. 90 davon werden anschließend in Fertigkeiten ausgebildet, mit denen sie Geld für sich selbst und ihre Familien erwirtschaften können.

Es ist bereits die zweite Frauengruppe, die von terre des hommes gefördert wird. Bereits im August 2021 - kurz nachdem die Taliban Kabul eingenommen hatten - machten 50 Frauen zwischen 18 und 45 Jahren ihren Abschluss in Nähen und Sticken. Sie bekamen eine Urkunde, eine Nähmaschine und weitere Utensilien, um sich selbständig zu machen. Zwar sind viele Zukunftsträume der Frauen mit der Machtübernahme der Taliban zerfallen. Aber die Möglichkeit, durch Heimarbeit Geld zu verdienen, bleibt.

Im Januar 2022 hat eine neue Frauengruppe die Kurse begonnen. In diesem Jahr wird statt Nähen und Sticken in einem Armenviertel Backen und das Konditor-Handwerk gelernt, im anderen Viertel haben die Frauen sich für Kosmetik-Kunde entschieden. Die Stärkung und psychosoziale Begleitung der Frauen ist weiterhin wichtiger Teil des Projektes. Dafür zuständig ist Samira. Sie klärt die Frauen über ihre Rechte auf und zeigt ihnen Wege, die zahlreichen Probleme in ihrem Leben in den Griff zu bekommen. Wir sprachen mit ihr über die schwierige Arbeit für Frauenrechte in einer patriarchalischen Kultur.

Was für Probleme haben die Frauen im Projekt?

Einige wurden schon als Kinder zwangsverheiratet, andere haben im Krieg ihre ganze Familie verloren. Manche haben behinderte Kinder und kommen damit nicht zurecht. Andere wurden sexuell missbraucht. Viele der Frauen leiden unter Gewalt – ausgeübt durch ihre Ehemänner, ihre Väter oder Brüder.

Welche Frauen nehmen an den Kursen teil?

Vorrang haben Frauen und Mädchen, denen es sehr schlecht geht. Die Gemeindevorsteher nennen uns ihre Adressen. Dann reden wir mit ihnen und ermutigen sie, an den Kursen teilzunehmen. Die Frauen sind Analphabetinnen zwischen 18 und 45 Jahren. Manche sind alleinstehend, andere verheiratet oder Witwen. Sie leben in zwei Armenvierteln von Kabul, einige sind aus anderen Provinzen in die Hauptstadt gezogen.

Was ist deine Aufgabe im Projekt?

Ich versuche mein Bestes, um den Frauen Hoffnung für ihr zukünftiges Leben zu geben. Ich spreche mit ihnen über ihre Probleme und bringe ihnen Bewältigungsmechanismen bei, die sie in  schwierigen Situationen anwenden können. Außerdem kläre ich sie über Frauenrechte, Geschlechterfragen, Kinderrechte, Kinderheirat und andere Themen auf.

Wie wirken sich die Traumata der Frauen aus?

Im Projekt war zum Beispiel eine 45-jährige Frau, die bis auf eine Tochter ihre gesamte Familie im Krieg verloren hat. Ihr  Vater und ihr Bruder wurden von den Taliban vor ihren Augen erhängt. Im Unterricht schrie sie plötzlich und lief wie wild umher, weil sie dachte, dass sie auch ihre Tochter verlieren könnte. Ich versuche, ihr zu helfen, das Trauma zu heilen und ein normales Leben mit ihrer Tochter zu führen.

Wie haben diese Frauen auf die Machtübernahme der Taliban reagiert?

Einige von ihnen haben schlimme Erinnerungen an die letzte Taliban-Regierung, die bis 2001 an der Macht war. Sie haben große Angst. Manchen wird von ihren Familien nun nicht mehr erlaubt, ihre Ausbildung fortzusetzen. Sie alle leiden immer mehr unter Armut und Hunger, da die Preise jeden Tag steigen. Aber vor allem haben sie Angst um die Zukunft ihrer Kinder.

Gibt es etwas, das du unseren Leser*innen in Deutschland gerne mitteilen möchtest?

Bitte hört nicht auf, die Frauen in Afghanistan zu unterstützen. Wenn die Projekte fortgesetzt werden, können die Menschen noch Hoffnung für ihre Zukunft haben. Und bitte helft denen, deren Leben in Gefahr ist und evakuiert sie.

* Der Name wurde aus Sicherheitsgründen geändert. Aus dem selben Grund wird auch der Name der Partnerorganisation, die das Projekt umsezt, nicht genannt.

14.03.2022

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