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»Sie meinen, ich verderbe ihre Frauen«

Ein Gespräch über die Schwierigkeiten der Projektarbeit in Afghanistan

Eigentlich sollte es ein Tag voller Freude und Hoffnung sein: 94 Frauen zwischen 18 und 45 Jahren hatten ein Jahr lang lesen und schreiben und sechs Monate lang nähen und sticken gelernt. Zum Abschluss bekamen sie eine Urkunde, eine Nähmaschine und weitere Utensilien, damit sie ein eigenes Einkommen für sich und ihre Kinder erwirtschaften können.

Doch vor wenigen Tagen hatten die Taliban Kabul eingenommen. Die Zukunftsträume der Frauen zerfielen. Aber eine kleine Hoffnung bleibt: Sie dürfen zwar kein Geschäft mehr eröffnen oder außerhalb ihres Hauses arbeiten. Aber sie haben die Möglichkeit, durch Heimarbeit Geld zu verdienen.

Und vor allem: Sie sind stärker geworden. Denn im Rahmen von Alphabetisierung und Ausbildung konnten die Frauen frei von bedrückenden Familienverhältnissen über ihre Sorgen sprechen, gemeinsam lachen und träumen. Eine Mitarbeiterin des Projekts war für ihre psycho-soziale Begleitung zuständig und steht ihnen auch jetzt noch mit Rat und Tat zur Seite. Wir sprachen mit ihr über die traumatischen Erfahrungen der Frauen im Projekt und über ihre schwierige Arbeit in einer patriarchalischen Kultur. Um sie nicht zu gefährden, wird ihr Name nicht genannt.

Was für Probleme haben die Frauen im Projekt?

Einige wurden schon als Kinder zwangsverheiratet, andere haben im Krieg ihre ganze Familie verloren. Manche haben behinderte Kinder und kommen damit nicht zurecht. Andere wurden sexuell missbraucht. Viele der Frauen leiden unter Gewalt – ausgeübt durch ihre Ehemänner, ihre Väter oder Brüder.

Welche Frauen nehmen an den Kursen teil?

Vorrang haben Frauen und Mädchen, denen es sehr schlecht geht. Die Gemeindevorsteher nennen uns ihre Adressen. Dann reden wir mit ihnen und ermutigen sie, an den Kursen teilzunehmen. Die Frauen sind Analphabetinnen zwischen 18 und 45 Jahren. Manche sind alleinstehend, andere verheiratet oder Witwen. Sie leben in zwei Armenvierteln von Kabul, einige sind aus anderen Provinzen in die Hauptstadt gezogen.

Was ist deine Aufgabe im Projekt?

Ich versuche mein Bestes, um den Frauen Hoffnung für ihr zukünftiges Leben zu geben. Ich spreche mit ihnen über ihre Probleme und bringe ihnen Bewältigungsmechanismen bei, die sie in  schwierigen Situationen anwenden können. Außerdem kläre ich sie über Frauenrechte, Geschlechterfragen, Kinderrechte, Kinderheirat und andere Themen auf.

Wie wirken sich die Traumata der Frauen aus?

Im Projekt war zum Beispiel eine 45-jährige Frau, die bis auf eine Tochter ihre gesamte Familie im Krieg verloren hat. Ihr  Vater und ihr Bruder wurden von den Taliban vor ihren Augen erhängt. Im Unterricht schrie sie plötzlich und lief wie wild umher, weil sie dachte, dass sie auch ihre Tochter verlieren könnte. Ich versuche, ihr zu helfen, das Trauma zu heilen und ein normales Leben mit ihrer Tochter zu führen.

Wie haben diese Frauen auf die Machtübernahme der Taliban reagiert?

Einige von ihnen haben schlimme Erinnerungen an die letzte Taliban-Regierung, die bis 2001 an der Macht war. Sie haben große Angst. Manchen wird von ihren Familien nun nicht mehr erlaubt, ihre Ausbildung fortzusetzen. Sie alle leiden immer mehr unter Armut und Hunger, da die Preise jeden Tag steigen. Aber vor allem haben sie Angst um die Zukunft ihrer Kinder.

Wie geht es dir in dieser schwierigen Zeit?

Meine Arbeit ist schon immer sehr schwierig gewesen, besonders in einem der beiden Stadtgebiete, in denen wir aktiv sind. Viele Einwohner glauben, ich würde ihre Mütter, ihre Schwestern oder Ehefrauen gegen sie aufwiegeln. Sie meinen, ich verderbe ihre Frauen.

Ich habe immer mein Bestes getan, um die Frauen über ihre eigenen Rechte und die ihrer Kinder aufzuklären. Ich wollte ihnen Wege zeigen, wie sie die Probleme in ihrem Leben in den Griff bekommen.

Aber ihre Familien haben das oft nicht begrüßt. Nachdem sie mich zweimal bedroht hatten, bin ich vorsichtiger geworden. Seit der Machtübernahme der Taliban sind diese Leute jedoch noch dreister geworden. Sie drohen mir und auch meiner Familie. Es heißt, ich würde die Frauen auf falsche Gedanken bringen und ihr Verhalten ändern wollen. Im Moment habe ich zu den Frauen nur noch Kontakt per Telefon.

Wie wird es mit dem Projekt nun weitergehen?

terre des hommes hat versprochen, das Projekt im nächsten Jahr weiter zu unterstützen. Es wird eine neue Gruppe Frauen geben, die an den Kursen teilnehmen und etwas lernen können. Es ist noch nicht ganz klar, was die Taliban erlauben werden. Wir wollen Backkurse anbieten und rechnen damit, dass sie das genehmigen.

Gibt es etwas, das du unseren Leser*innen in Deutschland gerne mitteilen möchtest?

Bitte hört nicht auf, die Frauen in Afghanistan zu unterstützen. Wenn die Projekte fortgesetzt werden, können die Menschen noch Hoffnung für ihre Zukunft haben. Und bitte helft denen, deren Leben in Gefahr ist und evakuiert sie.

19.10.2021

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