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Ungewisse Zukunft für Afghanistan

Partnerorganisationen von terre des hommes fordern politische Unterstützung der Bundesregierung nach Abzug der NATO-Truppen

Der Beschluss des Abzugs der NATO-Truppen aus Afghanistan hat zu großer Verunsicherung unter der Zivilbevölkerung und der aktiven Zivilgesellschaft geführt. »Aus menschenrechtlicher Sicht und mit Blick auf die bisherigen entwicklungspolitischen Errungenschaften zum Beispiel im Bereich der Menschen- und Frauenrechte ist die Entscheidung eines Truppenabzugs eine desaströse Entscheidung mit möglichen negativen Langzeitfolgen für die Sicherheit der Zivilbevölkerung in dem kriegsgebeutelten Land«, sagt Birte Kötter, Vorstandssprecherin von terre des hommes. Hatte die Bundesregierung noch am 4. März dieses Jahres das Mandat für den Bundeswehreinsatz bis Januar 2022 verlängert und seine Zusagen für humanitäre und entwicklungspolitische Unterstützung bekräftigt, wurde nun der Abzug aller NATO Truppen verkündet.

terre des hommes-Partner befürchten, dass ein Truppenabzug ohne Erreichen eines Friedensabkommens im Vielvölkerstaat Afghanistan katastrophale Folgen haben könnte. Vertreter*innen der Zivilgesellschaft sehen die Gefahr, dass die Taliban und bewaffnete Milizen der verschiedenen Volksgruppen das mit dem Abzug der NATO-Truppen entstehende Machtvakuum nutzen, um ihren politischen Einfluss im Land auszudehnen.

Momentan besetzen die Taliban mehr als die Hälfte des Landes. Sie kontrollieren zwar derzeit keine größeren Städte, sind aber in ländlichen Gegenden vielerorts dominant und mittlerweile in allen Provinzen präsent. Die Regierung ist kaum in der Lage - und zeigt wenig Interesse daran -, die Sicherheit der Zivilbevölkerung zu gewährleisten. Allein in Kabul kommt es täglich zu mehreren Explosionen; Ziel ist es, eine Atmosphäre der Angst zu schaffen. Besonders gefährlich ist die Situation für Menschenrechtsverteidiger*innen. Sie werden immer wieder Opfer gezielter Tötungen und Anschläge und erhalten nicht selten Todesdrohungen von beiden Seiten, den Taliban wie auch der Regierung. In 2020 wurden 11 Journalist*innen getötet, 17 haben in den letzten Monaten das Land verlassen.

Die positiven Errungenschaften der letzten Jahre insbesondere im Bildungsbereich und im Bereich der Frauenrechte sind gefährdet. Ingrid Mendonca, Leiterin des terre des hommes-Regionalbüros für Südasien, berichtet: »Die Projekte der terre des hommes-Partnerorganisationen konzentrieren sich vor allem auf die Bildung von Mädchen und Frauen durch Alphabetisierungskurse oder Ausbildungskurse im Schneiderhandwerk, der Kosmetik oder Herstellung von Backwaren. Diese Angebote ermöglichen es ihnen, ein eigenes Einkommen zu erwirtschaften. Sie sehen, dass sie nicht allein und von ihren Männern und Vätern abhängig sind, das stärkt ihr Selbstbewusstsein. Wir sehen in den Projekten, dass viele junge Mädchen sehr motiviert sind; sie wollen Studieren und Hobbies wie Fußball spielen oder Wandern ausüben. Sie möchten selbstständig und unabhängig werden. Und auch Jungen öffnen sich zunehmend und sehen ihre Rolle in der Gesellschaft mit anderen Augen«.

Die von terre des hommes geförderten Projekte umfassen aber auch Maßnahmen zur Friedensbildung. Hierbei kommen junge Menschen der verschiedenen ethnischen Gruppen zusammen und arbeiten und diskutieren gemeinsam. So überwinden sie Vorurteile gegenüber den Mitgliedern anderer Ethnien und gewinnen gegenseitig Vertrauen zueinander.

Mit dem bevorstehenden vorzeitigen und schnellen Abzug der NATO-Truppen beginnt für die Menschen eine ungewisse Zukunft. Die Zivilbevölkerung ist kriegsmüde und massiven Sicherheitsrisiken ausgesetzt. Errungenschaften wie Bildung und Eigenständigkeit für Mädchen, Frauen und eine junge Generation stehen auf dem Spiel.

Vor diesem Hintergrund fordert terre des hommes gemeinsam mit seinen afghanischen Partnerorganisationen, dass

  • die Vereinbarung und Überwachung eines Waffenstillstandes für weitere Verhandlungen gewährleistet wird
  • die Bundesregierung und EU Staaten eine aktivere Rolle bei den Friedensverhandlungen einnehmen, um die Sicherung entwicklungspolitischer und menschenrechtlicher Errungenschaften zu gewährleisten. Dazu zählt auch, einen inklusiven Friedensprozess unter Beteiligung aller relevanten Interessensgruppen, insbesondere Frauen und Jugendliche, zu gewährleisten
  • keine Zugeständnisse an die von der Verfassung geschützten Rechte von Frauen und Mädchen in Frage gestellt werden. Dies betrifft insbesondere die Rechte auf Mobilität, Kultur, Bildung und wirtschaftliche Unabhängigkeit.

11.05.2021

Interview: »Die Errungenschaften sind in Gefahr«

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