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Recht sprechen statt Betteln

Als Kind musste Nagarathna betteln. Heute ist sie Juristin.

Ich wuchs in Mysore auf und erinnere mich noch gut an meine Kindheit im Slum: Mein Vater war Touristenführer in den Palastbezirken der Stadt, aber als er spielsüchtig wurde, kümmerte er sich nicht mehr um uns. Meine Mutter führte einen kleinen Laden, mit dem sie die Familie einigermaßen über Wasser halten konnte. Eines Tages mussten wir jedoch die Spielschulden unseres Vaters bezahlen. Uns blieb nichts anderes übrig, als den Laden zu verkaufen. Kurz darauf wurden wir obdachlos. Das war eine harte Zeit für meinen kleinen Bruder und mich. Obwohl wir noch Kinder waren, mussten wir jede Art von Arbeit annehmen, damit wir überleben konnten.

Das Betteln war mein Alltag

Die anderen Mädchen und Jungen auf der Straße brachten mir das Betteln bei. Häufig ernährten wir uns von Lebensmitteln, die die Hotels wegwarfen. Das Betteln in der Nähe der Touristen-Attraktionen war mein Alltag, als die Sozialarbeiter aus dem terre des hommes-Projekt RLHP auf mich aufmerksam wurden. Zwei Mitarbeiter organisierten auf öffentlichen Plätzen eine Malwerkstatt für Straßenkinder. Wir nahmen daran teil, bekamen Stifte und Farben geschenkt und konnten unsere Geschichte malend aufs Papier bringen.

Ich wollte aus meinem Leben etwas machen, lernen, eine Ausbildung machen. Die Sozialarbeiter überzeugten meine Eltern davon, dass ich im Kinderheim Asha Bhavana besser aufgehoben sei, weil ich dort besser gefördert werde. Man schrieb mich in eine Schule ein, ich hatte gute Noten und kam bis zur 10. Klasse. Plötzlich interessierten sich die Medien für meine Geschichte, und ich wurde in der ganzen Gegend bekannt. Der Premierminister des Bundesstaates Tamil Nadu überreichte mir einen Geldpreis, und die Regierung von Karnataka stellte ein Haus für meine Familie zur Verfügung. Den Preis von 100.000 Rupien legte RLHP in meinem Namen an, meine Familie zog in das neue Haus, ich blieb im Asha Bhavana-Heim. Nachdem ich auch die 12. Klasse abgeschlossen hatte, schrieb ich mich in den Studiengang Gesundheits- und Krankenpflege ein.

Ich brach das College ab und heiratete

Ich wohnte nun im College-Hostel und war auf mich allein gestellt. Zu dieser Zeit traf ich Manjunath wieder, mit dem ich als Straßenkind befreundet war. Er war mittlerweile zu einem jungen Mann herangewachsen. Als die RLHP-Mitarbeiterinnen von unserer Beziehung erfuhren, warnten sie mich vor ihm und seinen undurchsichtigen Geschäften, doch ich blieb stur. Mit 18 brach ich das College ab und heiratete Manjunath. Zuerst waren wir glücklich. Doch nachdem ich schwanger wurde, kam er oft betrunken nach Hause und stritt sich mit mir um Geld und schlug mich. Bald hielt ich es nicht mehr aus und suchte bei einer Freundin Schutz.

Ich hatte einen Fehler gemacht und suchte erneut Beistand bei RLHP. Der Direktor half mir, mich wieder einzuschreiben, diesmal für Rechtswissenschaften. Mein Ehemann wurde verhaftet, ich musste bei der Polizei aussagen. Spätestens jetzt wurde mir klar, dass eine Beziehung mit ihm ein Desaster für mich und meine gerade geborene Tochter bedeuten würde. Ich stellte einen Scheidungsantrag.

Selbstbewusstsein, das ich nun brauche

Es gelang mir, mein Jurastudium abzuschließen, und ich bekam einen Job bei einer Menschenrechtsorganisation, die ebenfalls mit terre des hommes zusammenarbeitet. Dann wurde ich Rechtsreferendarin am Gericht, wo ich vor allem die Familien- und Scheidungsfälle übernehme.

Ich möchte mir nicht ausmalen, was aus mir geworden wäre, wenn ich die Leute von RLHP nicht getroffen hätte, vermutlich Prostituierte, wie viele meiner Freundinnen auf der Straße. Doch jetzt wohne ich zusammen mit meiner Tochter in Bengaluru, und sie geht in eine der besten Schulen.

In Asha Bhanvana haben wir nicht nur Essen, Kleidung und Schutz bekommen, sondern auch das Selbstbewusstsein, das ich nun im Gericht und als alleinerziehende Mutter brauche. Die Werte, die ich dort beigebracht bekam, helfen mir nun bei meiner Arbeit.

Einige der ehemaligen Schülerinnen und Schüler von Asha Bhavana haben eine WhatsApp-Gruppe gegründet, mit der sie sich über die aktuelle Arbeit der Einrichtung auf dem Laufenden halten. Auf dieser Plattform kommunizieren Mädchen und Jungen, die immer noch ein Zugehörigkeitsgefühl zu Asha Bhavana haben, und wir unterstützen die jetzigen Bewohner der Unterkunft. In Mysore gibt es immer noch eine Menge Straßenkinder, und RLHP hilft so vielen wie möglich. Wir Ehemaligen versuchen so gut es geht, dabei zu sein.

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