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Indien – Supermacht oder doch Entwicklungsland?

Ein Kommentar von Ingrid Mendonca, Leiterin des terre des hommes Regionalbüros Indien

Indien hat eine der höchsten wirtschaftlichen Wachstumsraten des Bruttonationalprodukts weltweit und rühmt sich derzeit, selbst China überholt zu haben. Zugleich spüren Millionen von Inderinnen und Indern nichts vom Reichtum der neuen Supermacht Indien. Im Gegenteil: Das International Food Policy and Research Institute listet Indien unter den Staaten, die erfolgreich den Hunger in ihrem Land bekämpfen, an gerade einmal Platz 97 – weit hinter den indischen Nachbarländern Nepal, Bangladesch, Sri Lanka und Myanmar.

Die Sterblichkeitsrate bei Kindern unter fünf Jahren ist in Indien deutlich höher als in den Nachbarländern. Unter den Kindern, die das fünfte Lebensjahr erreichen, sind rund 40 Prozent deutlich wachstums- und entwicklungsverzögert, rund 15 Prozent sind so stark unterernährt, dass ihre Überlebens- und Entwicklungschancen irreversibel beeinträchtigt sind. Statistiken zufolge sterben fünf Prozent aller indischen Kinder vor dem fünften Geburtstag. Im Lichte dieser Daten zur sozialen Entwicklung ist Indien keine globale Supermacht, sondern noch immer eindeutig Entwicklungsland. Der indische Ökonom Amartya Sen beklagt, dass – abgesehen von afrikanischen Ländern südlich der Sahara – nur in von Krieg und Krisen geschüttelte Länder wie Afghanistan, Haiti oder Irak die Rate unterernährter Kinder und die Impf- und Immunisierungsquote unter Kindern noch niedriger ist als in Indien.

Warum führt dieses alarmierende Versagen der indischen Regierung nicht zu einem öffentlichen Aufschrei im Land? Warum sind Hunger, Ungerechtigkeit und Fehlentwicklung kaum Thema in den nationalen Medien? Generell gesprochen hält sich die indische Regierung an die klassische, allerdings längst widerlegte Vorstellung eines »trickle down«, also eines Durchsickerns von Reichtum und Wohlstand von den vermögenderen Schichten hinunter zu den Armen. Ein Blick auf die soziale Situation zeigt, dass hiervon auch in Indien keine Rede sein kann. Obwohl die Wirtschaft im Durchschnitt der letzten zehn Jahre um 7,5 Prozent gewachsen ist, gibt es kaum substantielle Fortschritte bei der Bekämpfung von Armut. Im Gegenteil: Vertreibungen, Landverlust als Folge des Klimawandels, die Agrarkrise und Naturkatastrophen haben Armut und Elend von Millionen ländlichen Familien verstärkt. Das indische Wirtschaftswachstum ist zudem ein »jobless growth«, es geht nicht mit der Schaffung von Arbeitsplätzen einher, von denen die Menschen leben und sich und ihre Familien ernähren können.

Wie so oft sind auch in Indien Kinder von dieser Situation am schlimmsten betroffen. Vorsichtige Schätzungen gehen davon aus, dass rund 38 Millionen Kinder im Alter zwischen fünf und 18 Jahren arbeiten müssen, um sich und ihre Familien zu ernähren. Kinderarbeit ist mithin der Preis für diese Art wirtschaftlichen Wachstums, von dem nur die Schicht der ohnehin Begüterten profitiert. Dem trägt die indische Regierung selbst unausgesprochen Rechnung, indem bei der Gesetzgebung zum Verbot von Arbeit durch Kinder unter 14 Jahren bewusst diejenigen Tätigkeiten ausgenommen wurden, die die Kinder zum Beispiel in kleinen »Familienunternehmen« und allgemein im informellen Sektor ausüben. Denn genau dies betrifft die überwiegende Mehrzahl der Kinderarbeiter in Indien. Heimarbeit ist beispielweise im Textilsektor weit verbreitet, ganze Familien und damit auch ihre Kinder nähen Textilien, anstatt zur Schule zu gehen.

Partner von terre des hommes in Indien setzen sich seit Jahren gegen die Ausbeutung arbeitender Kinder ein und fordern den Schulbesuch, und zwar explizit auch für die Mädchen. Von der indischen Regierung fordern sie Programme zur Nahrungsmittelversorgung, die den Hunger unter den Ärmsten bekämpfen und für deren Kinder einen Schulbesuch einschließlich einer Mahlzeit ermöglichen. Der Anspruch Indiens auf den Status einer Supermacht wird unter anderem daran zu messen sein, ob endlich die Interessen und Bedürfnisse der hunderte Millionen Armer und deren soziale Entwicklung in den offiziellen Regierungsprogrammen Indiens eine Priorität bekommen.

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