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Staatenlos im eigenen Land

Tanat Phaetchaidaen, Spitzname James, ist 24 Jahre alt – zumindest ungefähr, so genau weiß er das nicht. Eine Geburtsurkunde besitzt er nicht. Auch woher seine Eltern stammen, kann er nur vermuten; wahrscheinlich Angehörige eines Bergvolkes aus Nordthailand, genau wird er das wahrscheinlich nie erfahren. Sie starben, als er ein Kind war, und auch von ihnen gibt es keine Dokumente. In Thailand bedeutet das »staatenlos«.

Allein ist James mit seinem Schicksal nicht. Im Länderdreieck Thailand – Laos – Burma gibt es sehr viele Staatenlose, in manchen Regionen der nordthailändischen Provinz Mae Hong Son sind es 80 Prozent der Bevölkerung. Vor allem die Angehörigen der indigenen Bergvölker sind betroffen. Sie besiedelten schon vor vielen Generationen abgelegene Regionen und wurden von den Zentralregierungen der sich bildenden Nationalstaaten ignoriert. Ohne den Kontakt zu staatlichen Behörden lernten die Menschen kein Thai, Burmesisch oder Laotisch. Doch seit nach und nach auch abgelegene Gegenden immer stärker erschlossen werden, steigt die Notwendigkeit für die Menschen, sich zu integrieren. »Voraussetzung dafür ist die Staatsbürgerschaft«, erklärt James. »Ohne sie hat man in keinem Land der Welt das Recht zu leben, zur Schule zu gehen, zu arbeiten, medizinische Versorgung oder staatliche Hilfe in Anspruch zu nehmen.«

Bürokratische Hürden
Doch immer noch leben viele Menschen in Mae Hong Son quasi als Illegale im eigenen Land und sind tagtäglich Diskriminierung und bürokratischen Schikanen ausgesetzt. Sie sollen sich in ein System integrieren, dem sie nie angehörten, von dem sie kaum eine Ahnung haben, wie es funktioniert. James hat die schweren Anforderungen am eigenen Leib erfahren. »Staatenlose müssen herausfinden, wie und wo sie eine Staatsbürgerschaft beantragen und welche Dokumente sie benötigen. Sie müssen die Informationen besorgen, wie ihr vollständiger Name lautet und wann und wo sie geboren sind. Damit stehen viele allein da.«

Hier setzt die Hilfe des Development Center for Children and Community Network (DCCN) an. Die von terre des hommes und dem Bundeministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung geförderte thailändische Organisation setzt sich für die Durchsetzung der Menschenrechte für die indigene und staatenlose Bevölkerung in Thailand ein. Ein Schwerpunkt der Arbeit ist die Unterstützung von staatenlosen Kindern bei dem schwierigen und langwierigen Prozess, eine Staatsbürgerschaft zu bekommen. »Besonders Kinder leiden unter der Staatenlosigkeit«, weiß James aus eigener Erfahrung. »Ohne Papiere haben sie eine unsichere Zukunft vor sich. Und sie sind immer in Gefahr, Opfer von Kinderhandel oder Ausbeutung zu werden.« Für James waren Kindheit und Jugend geprägt von Ungewissheit, Verzweiflung und vor allem der Suche nach einer Identität. »Als Jugendlicher war ich immer ein Außenseiter, jemand ohne Namen und Identität, dem es nicht einmal erlaubt ist, sich frei in dem Land zu bewegen. Ich konnte nicht mal meinen Geburtstag feiern. Ich habe mich immer wie ein Alien gefühlt, das anders ist als die anderen Kinder.«

Geburtstag: 1. Januar
James wuchs in einem Waisenhaus von DCCN auf. Mit Hilfe der Organisation hat er vor einem Jahr die thailändische Staatsbürgerschaft erhalten, mit einem offiziellen Namen und einem Geburtstag. Seitdem arbeitet James beim DCCN und hilft Kindern, die in der gleichen Situation sind, wie er es war. Und er kann endlich Geburtstag feiern, am 1. Januar. Den bekommen alle Staatenlosen eingetragen, die nicht wissen, wann sie geboren wurden. Doch das stört James nicht, denn mit der Staatsbürgerschaft fühlt er sich endlich wie ein vollständiger Mensch.

Sarah Schneider

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