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Vietnam - 40 Jahre nach Kriegsende

terre des hommes zieht eine Zwischenbilanz

Vor 40 Jahren, am 30. April 1975, endete der Vietnamkrieg. terre des hommes war eine der wenigen Organisationen, die auch nach Kriegsende weiter im Land gearbeitet hat. Aus Anlass des 40. Jahrestages werfen wir einen Blick zurück auf die Anfangsjahre und zeigen, welche Projekte terre des hommes heute im Land unterstützt.

Die letzten Kriegstage

Es sind Bilder, die um die Welt gehen. Am frühen Morgen des 30. April 1975 fliehen die letzten Soldaten der führenden Militärmacht der Welt aus Saigon. Aus der Botschaft der USA in der südvietnamesischen Hauptstadt werden die letzten »US-Marines« ausgeflogen.  

Auch Walter Skrobanek von terre des hommes Deutschland und seine vietnamesischen Kolleginnen sind Zeugen des Geschehens. Der damals 32 jährige Soziologe Skrobanek war nach Saigon gekommen, um von dort aus die terre des hommes-Projekte zu  koordinieren.

Sie alle werden Zeuge vom Ende eines Krieges, der über ein ganzes Jahrzehnt das südostasiatische Land verwüstet hat. Ab 1965 hatten sich die USA massiv in den Konflikt zwischen dem kommunistischen Nordvietnam und dem westlich orientierten Südvietnam eingebracht. Es folgte ein systematischer Luftkrieg gegen Nordvietnam und ein grausamer Kampf gegen die Befreiungsfront in Südvietnam. 

Die Folgen des Schreckens

Am Ende sterben dabei nach unterschiedlichen Schätzungen bis zu vier Millionen vietnamesische Zivilisten, Soldaten und Kämpfer. Hunderttausende werden verwundet oder verstümmelt, bis zu eine halbe Million Menschen sterben in den Jahrzehnten danach an den Folgen chemischer Kampfmittel. Darüber hinaus hinterlässt der Krieg über eine Million Kriegswitwen und nahezu 900.000 Waisenkinder sowie unzählige Flüchtlinge und Vertriebene. Und auch für die USA wird der Vietnamkrieg zur nationalen Katastrophe: mehr als 50.000 Soldaten sterben, über 150.000 werden verwundet.

»Seit dem gestrigen Sonntag ist Saigon von der Außenwelt abgeschnitten«, schreibt Walter Skrobanek zwei Tage vor Kriegsende in sein Tagebuch. Skrobanek und seine Helfer sorgen sich um die vielen verletzten Waisenkinder, die terre des hommes in seinem Sozialmedizinischen Zentrum in Saigon aufgenommen hat. Sie alle wollen weitermachen, auch wenn zu diesem Zeitpunkt niemand weiß, wie es weitergehen kann. 

Rückblick: Beginn der terre des hommes-Hilfe in Vietnam

Der Anfang der Arbeit in Vietnam

Begonnen hatte die Arbeit in Vietnam acht Jahre vor Kriegsende. Am 8. Januar 1967 schlossen sich Ehrenamtliche in Stuttgart zusammen und gründeten nach dem Vorbild von terre des hommes Schweiz eine gleichnamige Sektion in Deutschland. Einige der Aktivisten hatten sich entschlossen, schwer verletzte Kinder aus dem fernen Südvietnam zu retten. Schon bald darauf kamen die  ersten jungen Kriegsopfer mit den ersten Fliegern nach Deutschland. Auf Krücken, auf eine Trage gebettet, mit verbundenen und geschienten Gliedern, kamen sie auf hiesigen Flughäfen an und wurden dabei von Fotografen und Fernsehteams abgelichtet. Einige Kinder waren an Hals, Armen und Händen tief gezeichnet durch  Brandwunden.

In Deutschland ist man erschrocken vom Anblick der vietnamesischen Kinder. Bisher hatten nur linke Bewegungen den Krieg kritisiert. Aber mit der Verbreitung des Fernsehens dringen nun Bilder vom Krieg in Vietnam in die Wohnzimmer. Sie schockieren: Menschen, darunter viele Kinder, fliehen allein, nackt und schreiend aus ihren brennenden Dörfern.  

Die damals noch jungen terre des hommes-Aktivisten wollen nicht nur protestieren, sondern sich konkret für kriegsverletzte Kinder einsetzen. Immer mehr Menschen melden sich und wollen ein Kind für die Dauer der Behandlung in Deutschland aufnehmen. In anderen Orten gründen sich weitere terre des hommes-Gruppen und sammeln Geld für Flüge und Operationen.

Wachsende Kritik

Studenten, Schüler, Hausfrauen, Angestellte, Pfarrer – Menschen aus allen Schichten überzeugt die Arbeit von terre des hommes. In der Charta verpflichtet sich der Verein, »ohne Vorbehalte politischer, konfessioneller und rassischer Art« zu helfen, »um der Gerechtigkeit willen«. In Oberhausen eröffnet terre des hommes ein »Friedensdorf« zur intensiven Rehabilitation der Kinder.

Die Ehrenamtlichen von terre des hommes machen aber auch die Erfahrung, dass der Vietnamkrieg die Gesellschaft spaltet. Der Allgemeine Studentenausschuss in Frankfurt wirft terre des hommes Naivität vor. Ein Bankhaus in der Stadt lehnt eine Spende mit der Begründung ab, man habe wirtschaftliche Verbindungen zu den USA und könne der Bitte nicht folgen. Auch der Berliner Senat lehnt im April 1968 die Hilfe für vietnamesische Kinder ab, weil das dem US-amerikanische Stadtkommandanten vielleicht nicht gefallen könnte.

Viele Mitglieder von terre des hommes bleiben nicht unbeeindruckt von der Kritik der Linken, dass die Organisation nicht offen gegen den Krieg und das dahinter stehende (kapitalistische) System protestiert. Nachrichten über grausame Ereignisse tun ein übriges: Am 16. März 1968 richten US-Marines im Dorf My Lai ein Blutbad an. Alle 500 Dorfbewohner werden umgebracht, kaltblütig erschossen.  

terre des hommes reagiert

Solche Meldungen empören auch die Mitglieder von terre des hommes. Sie verteilen Flugblätter, nehmen aber ebenso kriegsverletzte Kinder auf und vermitteln erste Adoptionen von Waisen an deutsche Familien. Da die Ehrenamtlichen mit der Fülle von Aufgaben überfordert sind, wird am 1. Juli 1968 ein hauptamtlicher Geschäftsführer eingestellt. Denn gleichzeitig hilft terre des hommes auch Kindern in Biafra, einer nigerianischen Provinz, in der ein schlimmer Sezessionskrieg tobt.

Ausbau der Hilfe trotz Flugzeugkatastrophe

Vieles muss in dieser Zeit organisiert werden: Aus- und Einreisereisepapiere für Kinder, Kliniken oder auch Gelder für Transporte. Dann, im August 1968, kauft terre des hommes ein erstes Haus in Saigon, dem heutigen Ho-Chi-Minh-Stadt. Gleichzeitig wird ein Waisenhaus übernommen, ein Krankenhausbau wird geplant und Ärzte, Pflegekräfte und Hilfspersonal werden engagiert.  

»Der Transport verletzter Kinder aus den Provinzen nach Saigon ist ein für uns fast unlösbares Problem«, steht in einem internen Bericht vom 2. Juni 1968. terre des hommes versorgt dennoch Hunderte Kinder vor Ort – und bringt weiterhin Opfer nach Deutschland. Im Juni 1969 kommen 64 vietnamesische Kinder hierher – mit Verbrennungen von Napalmbomben, Verstümmelungen durch Granatsplitter, querschnittsgelähmt oder an Polio erkrankt. Das Ausmaß der Hilfe ist so groß, dass sie den USA missfällt. Sie machen dem Marionettenregime in Saigon Druck, den terre des hommes-Mitarbeitern das Leben zu erschweren.

Nicht einschüchtern lassen

Doch terre des hommes lässt sich nicht einschüchtern. Im Gegenteil: In Deutschland entsteht das Pädagogische Zentrum Dehme für kriegsverletzte Kinder. In Südvietnam selbst beginnt ab 1970 ein umfassendes Hilfsprogramm. Regelmäßig besuchen sozialmedizinische Teams über 20 Waisenhäuser,  beraten sie und bleiben auch über längere Zeit, um die Einrichtungen zu verbessern.

1973 werden mehr als 3.000 Kinder versorgt, finanziert durch deutsche Patenschaften. Zur gleichen Zeit entsteht ein Sozialmedizinisches Zentrum in Saigon, in dem über 100 unterernährte und kranke Kinder behandelt werden. Ein Zentrum für querschnittsgelähmte Kinder mit einer orthopädischen Werkstatt wird 1974 eröffnet. Kinder, die in Deutschland behandelt wurden, werden nun hierhin zurückgeführt.  

Doch Anfang 1975 wird die Lage in Südvietnam für Hilfsorganisationen immer schwerer. Die Frontlinie rückt näher. terre des hommes evakuiert einige behinderte und kriegsverletzte Kinder nach Laos. Im Sozialmedizinischen Zentrum werden Splittergräben ausgehoben, um Kleinkinder bei Gefechten in Sicherheit zu bringen.

Tragödie: Flugzeugabsturz mit Kindern

Und dann passiert eine Tragödie: Adoptionsvermittler in Südvietnam wollen mit der Aktion »Babylift« noch so viele Kinder wie möglich nach Europa und in die USA ausfliegen. Das Flugzeug aber stürzt kurz nach dem Start ab, die meisten Kinder sterben in den Flammen. Unter den Opfern sind auch Waisenkinder, die durch terre des hommes nach Deutschland geflogen werden sollten. In den Flammen stirbt auch die terre des hommes-Kinderkrankenschwester Birgit Blank.

Mitte April landet dann ein letzter Hilfsflug von terre des hommes mit 38 Tonnen Medikamenten und Milchpulver in Saigon. Dann, am 30. April 1975, fällt Saigon. Die FNL, die südvietnamesische Befreiungsfront, marschiert ein. Für viele Menschen beginnt eine neue Zeit – auch für terre des hommes.

1975: Der Neuanfang

Unmittelbar nach Kriegsende sucht Koordinator Skrobanek den Kontakt zu den neuen Machthabern, um ihnen die Arbeit von terre des hommes zu erklären. Doch es folgt zunächst eine monatelange Zeit der Unsicherheit. Immer wieder besuchen Vertreter der neuen Regierung terre des hommes mit der Empfehlung, unbedingt im Land zu bleiben und den Wiederaufbau zu unterstützen. Doch Gehälter kann terre des hommes zu diesem Zeitpunkt schon nicht mehr an seine Helfer auszahlen. Viele Hilfsorganisationen verlassen das Land, Vietnam wird international isoliert.  

Unterstützung beim Wiederaufbau

Frühzeitig erkennt Koordinator Skrobanek, dass die Hilfe von terre des hommes nun nur noch akzeptiert wird, wenn sie nicht als von außen gesteuert erscheint. Deshalb führt er Gremien der Selbstverwaltung ein und ruft die Mitarbeiter auf, sich am Aufbau des Landes zu beteiligen. Dennoch sind sich die neuen Machthaber nicht sicher, wie man die Organisation terre des hommes, die zwar aus dem verhassten Westen stammt, anderseits aber verdienstvolle Hilfe leistet, beurteilen soll. In dieser Situation beginnt terre des hommes damit Medikamente und Reis zu liefern, man unterstützt Ärzte und Krankenschwestern bei Impfaktionen und bietet immer wieder Medikamente oder Milchpulver aus seinem Lager für Bedürftige an.

terre des hommes erkennt, dass sich viele Waisenhäuser leeren und Kinder wieder in die Obhut von Verwandten oder Angehörigen gebracht werden. Das Sozialmedizinische Zentrum wird von terre des hommes in staatliche Hände übergeben.

Die wirtschaftliche Not bekommen die Mitarbeiter des Zentrums schon bald selbst zu spüren, wie Skrobanek in seinem Tagebuch schreibt. Doch besteht für ihn kein Zweifel an der weiteren Hilfe für Vietnam. »Die große materielle Not der Bevölkerung führt nach wie vor zu einer großen Zahl von Kindern, die verlassen werden. Kinder werden meist in Abfallhaufen oder auf der Straße gefunden, oder auch vor dem Waisenhaus abgelegt.«  

Ende der Unsicherheit

Ende 1975 endet die Unsicherheit; es geht weiter: terre des hommes vereinbart eine Kooperation mit dem Roten Kreuz in Vietnam. Im terre des hommes-Zentrum (später »Center for the Rehabilitation of Malnourished Orphaned Children« genannt - CROM) sollen unter Rot-Kreuz-Regie 150 unterernährte Waisenkinder aufgenommen werden. Auch für weitere Hilfsprojekte zeigt sich die neue Staatsmacht nun offen.

Spender stehen hinter dem Wandel

Für terre des hommes beginnt damit eine Zeitenwende. Aber würden die terre des hommes-Spender in Deutschland diesen Wandel auch mitmachen? Ende 1975 werden sie gefragt. Die überwiegende Mehrheit stimmt dem zu.

Am 20. Januar 1976 unterzeichnet terre des hommes mit vietnamesischen Behörden und dem vietnamesischen Roten Kreuz ein Abkommen über die weitere Zusammenarbeit bei der Hilfe von Kindern. Die Kriterien wurden gemeinsam mit vietnamesischen Fachleuten entwickelt. Eine gleichberechtigte Partnerschaft ist das Ziel, bei der nicht mehr nur terre des hommes ein Projekt »durchführt«, sondern dies gemeinsam mit dem Partner geschieht.

Die Bootsflüchtlinge

Schon bald muss sich terre des hommes wieder kritischen Fragen stellen. Stützt man mit der Fortsetzung der Arbeit in Vietnam nicht ein kommunistisches Regime? Legitimiert eine Hilfsorganisation damit nicht einen Unrechtsstaat? terre des hommes gibt bald darauf die Antwort: Genauso wie im Land, unterstützt die Kinderhilfsorganisation Ende der 1970er Jahre auch die vietnamesischen Flüchtlinge, die sich auf eine gefährliche Reise über das Meer begeben. terre des hommes nimmt sich auch dieser »Bootsflüchtlinge« an und betreut 255 vietnamesische Kinder, die aus Fluchtbooten gerettet werden.

Heute: Die terre des hommes-Projekte in Vietnam

terre des hommes bekennt sich auch heute noch klar zur Weiterführung der Arbeit in Vietnam, denn noch immer leidet das Land unter den Verwüstungen, den Minen, den chemischer Kampfmitteln und Entlaubungsgiften wie das dioxinhaltige »Agent Orange«. Ganze Landflächen und Grundwasserressourcen sind vergiftet. Unzählige Menschen werden dadurch weiterhin verletzt oder erkranken an Krebs. Die Zahl der Fehlgeburten und Geburten mit missgebildeten Kindern nehmen nach dem Krieg stark zu.  

1983 eröffnet terre des hommes in Ho-Chi-Minh-Stadt nach fünfjähriger Bauzeit das »Rehabilitationszentrum für querschnittsgelähmte und körperbehinderte Kinder und Jugendliche« (CREP). Stationär können 100 Kinder aufgenommen und pro Tag 80 Kinder ambulant betreut werden. Ein Osnabrücker Architekt hat das Projekt ehrenamtlich betreut. Die Kosten von 3,5 Millionen Mark tragen über 2.000 Spender.

Ähnlich arbeitet ein Projekt der »Stiftung für Behinderte und Waisenkinder Ho-Chi-Minh-Stadt (HASHO)«, das terre des hommes unterstützt. Neben Behinderten, die in Not geraten sind, erhalten hier auch Kinder und Frauen vom Land medizinische Behandlung und Beratung. HASHO vermittelt für die Weiterbehandlung auch Kontakte zu Kliniken.

Ebenfalls in Ho-Chi-Minh-Stadt befindet sich weiterhin das »Zentrum für unterernährte Kinder (CROM)«. Seit nunmehr 30 Jahren werden hier Kinder stationär aufgenommen. Armut, vor allem in den ländlichen Regionen, ist Ursache der Mangelerscheinungen. Viele leiden an Atemwegs- oder Hautkrankheiten oder an Kinderlähmung.

Neue Herausforderungen – neue Projekte

Mittlerweile gehört die Sozialistische Republik Vietnam zu einer der aufstrebenden Wirtschaftsregionen in Asien. Die fatalen sozialen und ökologischen Kosten der Entwicklung sind aber unübersehbar: Die Landbevölkerung leidet unter extremer Armut, junge Menschen zieht es in die Städte. In der Landwirtschaft werden massiv Düngemittel oder Pestizide eingesetzt, die Wälder schrumpfen wegen illegalem Holzeinschlag und durch Brandrodungen. Arbeitende und auf der Straße lebende Kinder, die von ihren Familien nicht mehr ernährt werden können, gehören zum Alltagsbild in den Städten.

Zwar hat Vietnam den Bildungsgrad in den vergangenen Jahrzehnten erhöht. Aber weiterhin müssen viele junge Menschen außergewöhnliche Anstrengungen unternehmen, um davon zu profitieren.

Dorfentwicklung – Beispiel: Wasserprojekte

Sauberes Trinkwasser ist in vielen Regionen ein Problem. Deshalb fördert terre des hommes seit 1996 integrierte Trinkwasserprojekte.

Ein Beispiel: Die Provinz Lang Son gehört zu den ärmsten Regionen Vietnams. Mehr als 30 Prozent der Kinder unter fünf Jahren sind unterernährt. Der an China grenzende Landstrich ist knapp 820.000 Hektar groß, kann aber nur zu etwa zehn Prozent landwirtschaftlich genutzt werden. Doch die Erträge sind gering, denn der größte Teil der Region, in der 850.000 Menschen leben, besteht aus Bergen und Ödland. Sehr kalte Winter und ein akuter Wassermangel lassen nur eine Ernte pro Jahr zu.  

In der Trockenzeit mangelt es an Wasser, in der Regenzeit sind die Quellen verschmutzt. So leiden viele der Dorfbewohner an Magen- und Darminfektionen, Haut- oder Augenerkrankungen. Verschmutztes Wasser und der Lebensmittelmangel führen zu Mangelernährung. Da viele Männer und Frauen in die Wirtschaftsmetropolen abwandern, um hier Arbeit zu finden, ist die Betreuung der Kinder oftmals nicht mehr sichergestellt. Die älteren Menschen, die in den Dörfern verbleiben, sind mit der Erziehung und Aufsicht der Kinder oft überfordert. 

Schuften statt Schule

Die schwerste Arbeit, wie das Schleppen von Wasser, müssen Kinder übernehmen. Die Wasserquelle liegt oft mehrere Kilometer entfernt. Auf der  steilen und rutschigen Wegstrecke bringen die Kinder meist nur die Hälfte der Wassermenge nach Hause. Wegen der Arbeit können viele von ihnen nicht die Schule besuchen. Ohnehin sind öffentliche Schulen weit entfernt und Transportmittel fehlen.

terre des hommes unterstützt die Bewohner der Dörfer in der Provinz Lang Son darin, die Trinkwasserversorgung zu verbessern. Das soll Erkrankungen verringern, die Lebensbedingungen verbessern und Kinder von der Knochenarbeit des Wasserholens befreien.

Zunächst werden die Wasserquellen gegen Verunreinigungen gesichert. Dann folgt der Bau von Wasserleitungen, die bis ins Dorf reichen. An allem beteiligen sich die Bewohner. Aufgrund der gebirgigen Steillagen werden keine Pumpen benötigt. Das Wasser wird in Großbehälter ins Dorf geleitet und gefiltert. Mehrere Dorfbewohner sind für die Pflege der Anlage, die Überwachung der Rohrleitungen und Reparaturen zuständig.  

Mehr als nur eine Wasserleitung

Neben der Unterstützung für das Wasserprojekt fördern die terre des hommes-Projektpartner vor Ort Aufklärungskurse über Krankheiten und Präventionsmaßnahmen. Ausbildungsangebote sollen Kindern beim Lernen helfen und dazu beitragen, die Einschulungsquote zu erhöhen.

Die Erfolge der Projekte sind beeindruckend: 90 Prozent der Menschen nutzen die neuen Wasservorrichtungen; pro Tag sparen die Familien pro Person zwei bis drei Stunden Zeit, die jetzt für landwirtschaftliche Arbeit aufgewendet werden kann. Die durch verschmutztes Wasser ausgelösten Erkrankungen sind stark zurückgegangen.  

Vor allem aber nützen die neuen Wasserleitungen den Kindern. 80 Prozent berichten, dass ihre Leistungen in der Schule besser geworden sind. »Während der Prüfungen brauche ich Zeit, um mich auf die Tests vorzubereiten«, sagt der 14-jährige Setiawan: »Oft musste ich Wasser holen, weil Wasser wichtiger war. Ich bekam schlechte Noten und war traurig und beschämt. Mit dem Wasser aus dem Projekt kann ich wieder lernen und die Schule weiter besuchen.«

Was hat terre des hommes bewirkt?

Was hat terre des hommes in den vielen Jahren erreicht? Was haben die Projekte bewirkt? Kann ein wirtschaftlich aufstrebendes Land wie Vietnam seine Probleme nicht mittlerweile selbst lösen? Warum müssen Organisationen wie terre des hommes dort weiterhin aktiv sein? 

Nicht nur Vietnam, sondern zahlreiche andere Länder haben sich für eine wirtschaftliche Öffnung entschieden, ohne die damit verbundenen Veränderungen sozial abzusichern. Doch kein anderes Land hat so schwer unter den Folgen eines langen Krieges leiden müssen wie Vietnam. Und diese Folgen wirken bis heute nach. Betroffen sind davon noch immer Kinder. Als Kinderhilfsorganisation fühlen wir uns verpflichtet, den Opfern und den Kindern zu helfen. 

Kindern zu ihrem Recht verhelfen


»Kinder haben Rechte«. So steht es in der UN-Kinderrechtskonvention. terre des hommes setzt sich für die Durchsetzung der Kinderrechte ein. Auch in Vietnam. Deswegen engagiert sich terre des hommes zum Beispiel im unterentwickelten Norden des Landes. Mit dem Bau von Trinkwasseranlagen lassen sich Infektionskrankheiten verhindern. Kinder werden von schwerer körperlicher Arbeit befreit und haben nun die Chance, eine Schule zu besuchen und eine Ausbildung zu machen. Mit diesen Maßnahmen haben Kinder in der Zukunft bessere Chancen. Mit anderen Worten: terre des hommes engagiert sich, um diesen Kindern zu ihren Rechten zu verhelfen.

Rückblickend lässt sich sagen, dass das Engagement in Vietnam für terre des hommes prägend war. Umgekehrt haben die Erfahrungen und das langjährige Engagement von terre des hommes dazu beigetragen, Programme zugunsten von Kindern und Kriegsopfern in der staatliche Sozial- und Gesundheitspolitik zu verankern.  

Bei der Betreuung von kriegsverletzten Kindern hat terre des hommes Maßstäbe gesetzt. Seit 1970 wurden mit Hilfe von terre des hommes mehr als 200.000 Kinder in sozialen und medizinischen Einrichtungen unterstützt. Zehntausende verarmte und verlassene Kinder konnten wieder in Schulen und Familien integriert werden. Viele Jungen, Mädchen und Frauen wurden durch Präventionsprogramme vor Ausbeutung, Prostitution oder Menschenhandel bewahrt.  

Projektpartnerinnen im Parlament

Die Projekte zeigen auch langfristige politische Wirkung, wie terre des hommes-Mitarbeiter Klaus Müller-Reimann sagt: »Mittlerweile sitzen sogar vier Frauen, die durch terre des hommes-Projekte gefördert wurden, im nationalen Parlament. Das ist doch auch ein starkes Zeugnis dafür, wie terre des hommes Verantwortung und Kompetenzen stärkt.«

Bleibt die Frage, welche Ziele terre des hommes in den kommenden Jahren verfolgen will? »Wir werden uns gezielt auf die Regionen und Provinzen konzentrieren, die als arm gelten. Wir werden uns besonders für benachteiligte Bevölkerungsgruppen einsetzen. Für die zukünftige Entwicklung braucht das Land eine Vorstellung der Dezentralisierung. Eine solche Dezentralisierung muss Initiativen der Zivilbevölkerung mehr Raum geben als jetzt. Stärkung der Zivilgesellschaft – diese Entwicklung möchten wir zukünftig mehr unterstützen.«

Uwe Pollmann

Hinweis: In dem Artikel wird mehrfach der ehemalige terre des hommes-Koordinator zitiert. Die Zitate entstammen dem Buch "Nach der Befreiung", in dem seine Erlebnisse nachzulesen sind. Das Buch kann über den terre des hommes-Shop bestellt werden. Weitere Infos hier

Weitere Informationen:

  • Die Langfassung des Artikels »40 Jahre nach Kriegsende« mit zusätzlichen Infos zum Download als PDF-Datei
  • Hintergrundartikel: »Trinkwasserproblematik in Vietnam – Hilfe von terre des hommes« zum Download als PDF-Datei
  • Projektdarstellung: »A wealth of water: Terre des Hommes Germany’s community-based projects benefit Vietnamese children and youth« Dokument in englischer Sprache zum Download als PDF-Dokument

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