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»Seelische Gesundheit ist kein Luxus«

Interview mit der Trauma-Expertin Dr. Ute Sodemann

Dr. Ute Sodemann ist Vorstandsmitglied der Organisation Trauma Aid / Humanitarian Assistance Programme Germany e.V. und hat viele Jahre in führender Position bei terre des hommes gearbeitet.

Frau Sodemann, früher bestand Hilfe nach Naturkatastrophen oder Kriegen nur aus Decken, Zelten, Medizin und Nahrung in die betroffenen Gebiete. Heute weiß man, dass zusätzlich nicht nur die körperlichen, sondern auch die seelischen Schäden behandelt werden müssen. Warum hat das so lange gedauert?

Nicht nur in der Dritten Welt, sondern auch in Deutschland nach dem Zweiten Weltkrieg hat sich niemand darum gekümmert, ob die Menschen und speziell Kinder traumatisiert waren. Ich weiß das von mir selbst und von meiner Familie. Die Standardantwort war immer: Ich brauche keinen Therapeuten, ich bin doch nicht bekloppt. In vielen armen Ländern fehlt es selbst an einer minimalen Gesundheitsversorgung. Meist fehlt dann das Verständnis dafür, dass die mentale Gesundheit mit dazu gehört und kein Luxus ist. Man weiß heute, dass schwere seelische Schäden bei Kindern zum Beispiel zu extremen Konzentrations- und somit Lernschwierigkeiten führen. Doch in armen Ländern denken viele Menschen, sie bräuchten diesbezüglich keine Hilfe. Bei psychosomatischen Beschwerden wie Kopfschmerzen, Ess- oder Schlafstörungen, gehen sie zum Arzt und wollen eine Pille. Gute Ärzte schicken diese Menschen zum Psychologen oder Therapeuten. So war es auch im indonesischen Aceh, wo der Tsunami gewütet hat. Außerdem spielen kulturelle Faktoren eine große Rolle: Ein muslimischer Mann muss stark sein, er weint nicht, er hört nach 40 Tagen auf zu trauern. Frauen gehen eher zum Therapeuten.

Sie haben unter anderem daran mitgewirkt, die Traumabehandlung nach der Erdbeben- und der Tsunami-Katastrophe in Haiti und Indonesien in Gang zu bringen. Gab es vor Ort kulturelle Vorbehalte?

Wirkliche Vorbehalte nicht; manche Menschen empfanden die EMDR-Therapie fast wie Magie, aber die lokalen Therapeuten helfen bei der Vermittlung, sie mischen kulturelle Elemente mit ein. Zum Beispiel gibt es eine Stabilisierungsmethode, die man mit Gebeten verknüpfen kann, das machen die Menschen in Aceh sehr gern. Und die Kinder in Haiti haben mit Begeisterung den »butterfly hug« gemacht, bei dem man die Arme kreuzt und sich selbst links und rechts auf die Schultern klopft – auch das hat einen beruhigenden therapeutischen Effekt. Der Vorteil von EMDR ist, dass es überall anwendbar ist, weil das Gehirn aller Menschen gleich funktioniert und die Methode auch ohne große verbale Kommunikation auskommt. Man vermeidet das Reden sogar, weil es erneut stresst.

Die Menschen in der indonesischen Provinz Aceh litten vor dem Tsunami bereits 30 Jahre unter einem Bürgerkrieg. Sind dort ganze Generationen traumatisiert?


Ja, sicher. Das Problem dort war, dass manche Menschen zwei traumatische Erlebnisse hatten, nämlich Krieg und Tsunami, wobei das von Menschen verursachte Leid immer stärker traumatisiert als Naturkatastrophen. Allerdings hängt es auch von der frühkindlichen Entwicklung ab, wie gut ein schweres Erlebnis, das ja jeder Mensch irgendwann verkraften muss, verarbeitet werden kann, ohne Schäden hervorzurufen.

»…Kind einer depressiven Mutter wird keine Stabilität besitzen…«

Das Kind einer depressiven Mutter wird keine sehr große Stabilität besitzen – die es aber braucht, um ein späteres traumatisches Erlebnis wie einen Tsunami selbst gut zu verarbeiten. Aber die Selbstheilungsrate ist glücklicherweise hoch. Man geht davon aus, dass nach einem kollektiven Kriegserlebnis nur rund 15 bis 25 Prozent der Bevölkerung an einem posttraumatischen Belastungssyndrom erkranken. Allerdings
sind dies nicht die einzigen Beeinträchtigungen, hinzu kommen Depressionen und Angststörungen, deren Verbreitung oft sehr viel höher ist. In einigen Gesellschaften, die lange Jahre in Kriegssituationen leben, wird dieser geradezu als normal empfunden. Von außen betrachtet sehen wir darin eine gesellschaftliche Lethargie.

terre des hommes fördert in Südostasien die Ausbildung von Trauma- Therapeuten. Würden Sie das als Standard empfehlen?

Ja. Wir haben jetzt im Mekong- Projekt durch die Kooperation mit der Fachorganisation Trauma Aid schon eine erste Gruppe sehr gut qualifizierter Psychotherapeuten ausgebildet. Die ersten von der Europäischen Fachorganisation EMDR-Europe anerkannten lokalen Trainer sind vorhanden, so dass zu hoffen ist, dass die Ausbildung in ein paar Jahren in Südostasien von den nationalen Experten selbst durchgeführt werden kann. Ein weiteres Ziel wäre es, Traumatherapie auch an den Universitäten zusammen mit EMDR zu lehren. Ich bin froh, dass terre des hommes sich dieses Themas verstärkt annimmt und mehr Projekte in diesem Bereich fördert. Bei Programmen im Bereich der Nothilfe sollte diese Komponente immer mit berücksichtigt werden. Denn Eltern, deren Lebensgrundlage zerstört wurde, etwa durch eine Naturkatastrophe, sind großem Stress ausgesetzt und können sich dann kaum um ihre ebenfalls betroffenen Kinder kümmern. Kinder sind in diesen Situationen oftmals sich selbst überlassen und bräuchten gerade dann besondere Zuwendung. Es ist gut, dass terre des hommes da zur Stelle ist.

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