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»Da kamen die Menschenfresser«

München: Kunsttherapie für tramatisierte Flüchtlingskinder

Florim ist gerade vier Jahre alt, als der Krieg im Kosovo mit seinen grellen Detonationen zu Ende geht. Vieles musste er mit ansehen: Serbische Milizen überfielen sein Dorf, vergewaltigten seine Mutter, metzelten wahllos die Bewohner nieder. Florim fiel in eine Starre. Zwei Tage lang sprach er nicht, sein Blick ging ins Leere. Als er wieder »erwachte«, fantasierte er von Menschenfressern. Florims Familie flieht nach Deutschland und kommt in München unter. Doch Florim ist auffällig, ein zutiefst verstörtes Kind, das sich an die Mutter klammert, kaum Freunde hat und niemanden an sich heranlässt. Die Therapeuten der Organisation Refugio werden auf das Kind aufmerksam und nehmen sich seiner an.

Hilfe für Flüchtlinge
Die Organisation Refugio betreibt in München ein Zentrum für Flüchtlinge. Zu den Angeboten zählen Psychotherapie und Sozialberatung für Flüchtlinge und Folteropfer. Für viele Menschen ist Refugio die erste Anlaufstelle, in der sie von ihrem Leid erzählen können. Es sind Flüchtlinge aus Kriegs- und Krisengebieten wie dem ehemaligen Jugoslawien, Angola, verfolgte Kurden aus der Türkei oder Flüchtlinge aus Vietnam, die hier Zuflucht finden. Ein interdisziplinäres Team aus 18 Angestellten, 90 Honorarkräften sowie vielen ehrenamtlichen Helfern begleitet die Flüchtlinge bei Amtsgängen, Gesundheits- und Erziehungsfragen. Darunter sind Psychound Kunsttherapeuten, Elterntrainer, Dolmetscher und Ärzte.

Methode: Kunst- und Spieltherapie
Besonders aufmerksam sind die Refugio-Mitarbeiter gegenüber Flüchtlingskindern. Sie erleben Gewalt und Flucht intensiver als Erwachsene, viele sind aufgrund ihrer Erlebnisse traumatisiert. Kinder, die unter einem Trauma leiden, finden sich nur schwer in der neuen Lebenswelt zurecht. Lernen in der Schule ist ihnen kaum möglich, wenn das Erlebte nicht aufgearbeitet werden kann. Doch gerade damit Kinder ihre Erfahrung aus Flucht und Verfolgung verarbeiten, ist es entscheidend, dass sie schnell Zuwendung und Schutz bekommen. Diese Kinder erreicht Refugio über Angebote in sogenannten Übergangs- und Sprachklassen an elf Grund- und Hauptschulen. Speziell für Flüchtlingskinder werden kunst und spieltherapeutische Hilfen angeboten. »In der Kunsttherapie sind die Kinder kreativ, hier lernen sie einen Weg, das Erlebte wie einen Film zu sehen. Ebenso in der Spieltherapie, wo sie eigene Vorstellungen an einem sicheren Ort nachspielen können«, sagt die Psychologin Gisela Framheim, die die kunsttherapeutische Arbeit bei Refugio koordiniert. Diese Therapien setzen bei den Kindern Gefühle frei, die sie ausdrücken können. Kinder schaffen sich so einen inneren Schutzraum und können leichter mit den Erinnerungen leben. So gelingt es, Blockaden zu lösen und damit einen ersten Grundstein für die Verarbeitung möglicher Traumata zu legen. Dabei spielt Sprache keine Rolle. Nach und nach vertrauen die Kinder ihre Sorgen und Nöte den Therapeuten an. Gemeinschaft und strukturierter Alltag geben ihnen Sicherheit und Stabilität. »Traumatisierte Kinder haben Schreckliches erlebt, aber sie erfahren, dass Hilfe da ist«, erklärt Gisela Framheim. »In der Kunsttherapie denken und malen sich die Kinder in ihrer Fantasie oft große Helfer. Ein Bild malen, etwas Kreatives tun, ist ein Türöffner, um mit dem Kind zu sprechen.« Die Flüchtlingskinder aus insgesamt 40 Nationen können ihrem Schrecken endlich Ausdruck verleihen.

Panischen Ängste lassen nach
Auch Florim nimmt an einer kunsttherapeutischen Maßnahme teil. Das hilft ihm, die Kriegserlebnisse zu verarbeiten. Florim ist inzwischen gelöster und offener geworden; in Schule und Hort hat er Freunde gefunden. Die panischen Ängste haben nachgelassen. »Bald werden die Menschenfresser ihre Riesenzähne verlieren, und dann können sie mir keine Angst mehr machen«, sagt er zuversichtlich. Es kostet Zeit, die größten Schrecken endgültig hinter sich zu lassen. 

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