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Die Stoffpuppen von Alexandra

Südafrika: Kinder lernen, über ihre Ängste zu sprechen

Das Township Alexandra ist ein Stadtteil von Johannesburg. In dem dicht besiedelten Gebiet leben rund 330.000 Menschen auf engstem Raum. Es herrscht Armut, die Arbeitslosigkeit ist immens hoch, ebenso die HIV-/Aids-Rate. Gewalt auf der Straße und in der Familie prägt den Alltag. Diese extremen Lebensumstände haben bei vielen Menschen zu seelischen Verletzungen geführt, die häufig wieder in Gewalt münden. Die Eltern geben die Traumatisierung an ihre Kinder weiter, oft über mehrere Generationen hinweg. In Alexandra ist die Organisation Ububele tätig. Einer der Schwerpunkte von Ububele ist es, die Menschen in die Lage zu versetzen, ihre seelischen Verletzungen aufzuarbeiten, oder zumindest mit ihnen zu leben.

»…er ist sehr aggressiv«
In einem Trainingszentrum mitten im Viertel arbeitet die Organisation mit Kindern und Erwachsenen aus dem Township. Dem Zentrum ist auch eine Vorschule für Kinder aus dem Viertel angeschlossen. Dort findet wöchentlich eine Supervision statt: Die Mitarbeiterinnen tauschen sich über auffällige Kinder aus – wie zum Beispiel den fünfjährigen Ayande, der den Vorschulunterricht besucht. Pädagogin Nonhlanhla Mbuli berichtet: »Ayande schläft ständig in der Klasse ein. Und er ist sehr aggressiv: Er streitet viel mit seinen Mitschülern und droht damit, sie zu erschießen oder zu erstechen.« Ayandes Vater sitzt im Gefängnis, seine Mutter hat einen Freund, der bei ihnen zu Hause wohnt. Die Sozialarbeiter von Ububele haben mit der Mutter gesprochen, die das Problem jedoch nicht ernst nimmt und ihrem Sohn auch sonst nur sehr wenig Zuwendung zu geben scheint. »Die anderen Kinder wissen nicht, dass Ayandes Vater im Gefängnis sitzt. Er hat sicher große Angst, dass das herauskommt, und dass die anderen Kinder dann schlecht über seinen Vater sprechen «, so seine Lehrerin.

Methode: Persona Doll
Um an Ayande heranzukommen, nutzen die Pädagogen die persona doll, eine Puppe, die den Kindern als alter ego dient. Die Puppen sind etwa so groß wie ein dreijähriges Kind, es gibt männliche und weibliche in allen Hautfarben. Die Kinder bekommen jeweils eine Puppe, die ihnen ähnlich sieht, so dass sie sich leicht damit identifizieren können. Sie können mit der Puppe sprechen und so eigene Erfahrungen auf sie projizieren. Dann fassen sie eher den Mut, über ihre Erlebnisse zu sprechen, die auf ihrer Seele lasten. »Die Stoffpuppen erleichtern uns den Zugang zu zurückgezogenen und verschlossenen Kindern«, erklärt Nonhlanhla Mbuli. »Über die Puppen bringen wir alle Themen zur Sprache, ebenso traurige wie fröhliche. So lernen die Kinder, alle ihre Gefühle auszudrücken und entwickeln ihre emotionale Intelligenz. Und die Puppen werden von Frauen im Township hergestellt und verschaffen diesen ein kleines Einkommen. « Der Fall von Ayande ist sehr typisch für Südafrika: Väter sind oft nicht präsent. Sie sind gestorben, haben die Mutter verlassen oder sind als Wanderarbeiter einen Großteil des Jahres von der Familie getrennt. Den Jungen fehlen oft männliche Vorbilder. Ihre tiefgreifenden Verletzungen versuchen männliche Jugendliche oft mit Machogehabe und Gewalt zu kompensieren. Deshalb ist es wichtig, nicht nur die Mütter, sondern wo immer möglich auch die Väter und Männer mit in die Programme einzubeziehen. Nur so können Traumata, die seit Generationen bestehen, durchbrochen werden.

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