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12./13. Februar: Aus den Anden in die Karibik

Aus den Anden in die Karibik. Ab ins feucht-heiße Klima. Aus der Stadt nach einem kurzen Cartagena-Zwischenstopp ins Landesinnere. Eine überwältigende Überraschung. So lassen sich die Erlebnisse der tdh-Kolumbien-Reisegruppe am 12. und 13. Februar zusammenfassen.

Nach einem angenehmen Flug über ein bewölktes Land landen wir in Cartagena an der Karibik. Viele von uns sind zum ersten Mal an diesem Meer. Der Flughafen ist im Vergleich zu Bogotá klein und übersichtlich. Kurz zu Mittag essen und dann geht´s südöstlich los in das Landesinnere. Ziel ist die Region Mahates, wo sich das Projekt Red Antorchas (Symbol: Fackeln, die Kraft entflammen) an mehreren Standorten verteilt. Hier gibt es kleine Dörfer und viele unbefestigte Straßen.

 

Die kolumbianische Karibik ist ein Gebiet, das historisch von Gewalt geprägt ist. Cartagena war während der Kolonialzeit der wichtigste Sklavenhafen. Die Montes de María wurden während des bewaffneten Konflikts, vor allem in den 1990er und 2000er Jahren, hart getroffen. Hier wurde das berüchtigte Massaker von El Salado verübt, eines der größten von Paramilitärs begangenen. Aber es gab auch immer Widerstand, und so befindet sich die erste Stadt der befreiten Sklaven, Palenque, in der Region. Mitten in dieser Region wurde 2003 Red Antorchas gegründet, ein Projekt, das mit Positivität gegen Verzweiflung und kulturellen Verlust kämpft. Die Organisation hat sich zum Ziel gesetzt, die Afro-Campesino-Kultur wiederzubeleben, zu schützen und zu fördern.

 

Red Antorchas hat sich zu einem wichtigen Faktor für die kulturellen Aktivitäten in dieser vom Staat weitgehend vernachlässigten Region entwickelt, wo die Arbeitslosigkeit hoch und die Aussichten, gerade für junge Menschen, schlecht sind. Nur ein bis zwei Kinder haben die Chance auf eine Ausbildung. Im Projekt selbst sind es aktuell aber acht.

Die Arbeit beruht auf drei Hauptaspekten:

  1. Kulturelle Bildung
  2. Soziales und Politik, u.a. Empowerment junger Menschen und Vermittlung der ursprünglichen Lebensweise der Afro-Campesino-Kultur
  3. Kommunikation u.a. Sichtbarmachen der Kultur für die Bevölkerung und Touristen

Jeweils 60 Mädchen und Jungen werden beschult, wobei der Begriff „Schule“ im Sinne von Volksbildung zur verstehen ist. Insgesamt haben aber im Laufe der Jahre mehr als 1.200 Kinder in vier Regionen mit dem Antorchas-Team in ihren Workshops und auf ihren Festivals getanzt, gesungen und gelernt. Was das in der Realität bedeutet, sollten wir noch erleben dürfen. Erzielt wird die hohe Zahl durch eine Zusammenarbeit mit Schulen. Die ist jedoch schwierig zu erreichen, weil die Schulen sehr konservativ und nicht offen für eine Kooperation sind.

Das Team der Red Antorchas fördert die Afro-Campesino-Kultur durch „kulturelle Bejahung“. Eines ihrer Hauptziele ist es, den Verlust des Gemeinschaftswissens durch generationenübergreifendes Lernen zu bekämpfen. Die Ältesten lehren die jüngeren Generationen über Mythen und Landwirtschaft als eine Form der Sicherheit, um auf ihrem eigenen Land zu gedeihen. Dies ist von entscheidender Bedeutung, da die Wertesysteme und das landwirtschaftliche Wissen durch die Vertreibung aufgrund der Präsenz von Paramilitärs und Guerillas, die die Verbindung der Bauern zu ihrem Land zerstörten, stark beeinträchtigt wurden. Während vor 20 Jahren hier die FARC und der ELN stark waren, sind es heute Paramilitärs. In den letzten Jahrzehnten wurden viele Bauern (gewaltsam) enteignet und ihr Land haben sich multinationale Unternehmen für Monokulturen angeeignet, was den Boden verschlechterte und somit die Verbindung zum Land weiter zerstörte.Wir erleben ein konkretes Beispiel: Wenige Schritte von Antorchas entfernt gibt es die Lagune Matuya, die früher eine Lebensader für die Einheimischen war. Hier wurde gefischt und während des Fischens gedichtet und gesungen. So sind die drei Personen auf dem Bild nicht nur Fischer:innen, sondern auch Kompositionist:innen und Sänger:innen. Dann hat der Großgrundbesitzer seine Anwesen – etwa 3.000 Hektar – verkauft und andere kamen, um die vier Hacienden zu erwerben. Das war vor 12. Jahren. Für sie stand nicht das Biosystem Lagune im Mittelpunkt, sondern der schnelle Profit durch Palmen zur Produktion von Palmöl. Da sie viel Wasser benötigen und mehr Boden gewinnen wollten, sperrten sie den Zufluss zur Lagune, sodass diese kein frisches Wasser mehr bekommt und der Boden zum Teil austrocknet. Das in Kombination mit dem Einsatz von Pestiziden führt dazu, dass die Lagune stirbt und damit die Lebensgrundlagen für die Einheimischen verschwinden. Viele Fischarten sind bereits ausgestorben. Alles ist kurzfristig gedacht: Eine Ölpalme hat eine Lebenszeit von 25 Jahren, dann stirbt sie ab und der Boden ist für nichts mehr nutzbar. Die Klimakatastrophe macht sich ebenfalls bemerkbar – die Regenzeit kommt nicht mehr zuverlässig, sodass es immer schwieriger wird, die Selbstversorgung auf kleinen Parzellen sicher zu stellen. Wie in vielen Ländern besitzen auch in Kolumbien wenige viel: Ein Prozent der Bevölkerung verfügt über 50 Prozent Boden des Landes.

Antorchas versucht, die Zerstörung von Naturräumen zu verhindern, denn Wasser ist im Wissen der Afro-Campesinos von besonderer Bedeutung. Die Lösung wird in einem Bildungsprozess gesehen, bei dem der Konflikt sichtbar gemacht wird und junge Menschen lernen sollen, dass sie ein Recht auf eine gesunde Umwelt haben. Das jedoch ist nicht ungefährlich, denn die Großgrundbesitzer schrecken vor Mord nicht zurück. So sind bereits einige Umweltaktivist:innen umgebracht worden. Von der Politik gibt es keine Unterstützung, eher muss mit Korruption gerechnet werden. Hier wie bei vielen anderen Aspekten, stellt sich die Frage, die der 82jährige Hermann, ein Bauer und Fischer, bei unserem Gespräch in den Raum warf: „Warum gibt es Kriege?!“

Neben Tänzen, Liedern und althergebrachtem Kunsthandwerk führt Antorchas neue Projekte zu gewaltfreiem Umgang mit Frauen durch, wie Prävention vor sexualisierter Gewalt und reproduktiven Rechten, um zukünftige Schwangerschaften von Kindern und Jugendlichen zu verhindern. Zudem gibt es eine psycho-soziale Betreuung für Opfer sexualisierter Gewalt. Auch Gender-Fragen werden aufgegriffen. Jugendliche Hayden beispielsweise ein Video gedreht, in dem ein fiktiver Wettbewerb für Jungen-Musikgruppen dargestellt wird. Daran hat sich nun aber eine Mädchen-Gruppe beteiligt, die wider Erwarten den ersten Preis gewonnen hat, ihn aber aberkannt bekommen sollte, weil sie die Regeln verletzt hätten, indem Mädchen und nicht Jungen gesungen und getanzt hätten.

 

Vorgestellt hat sich auch eine Fraueniniative aus Jacinto. Seit 1999 versucht sie, alte Traditionen wieder aufleben zu lassen – sie weben Taschen und Hängematten, vermitteln Mädchen und auch Jungen das Kunsthandwerk von Generation zu Genration weiter.

Unser Mittagessen in einem kleinen Dorf wurde für den Wirt zum besonderen Ereignis. Noch nie haben hier Europäer:innen Rast gemacht. Wir wurden fotografiert, auch mit den Köchinnen, und der Besitzer hat gleich einen Facebook-Post abgesetzt.

Nach dem Mittagessen durfte eine kleine Delegation von uns Arnoldo, den Leiter von Antorchas, in das Rathaus begleiten. Vor zwei Monaten gab es Neuwahlen und der Besuch war wichtig, um sich vorzustellen. Den Bügermeister haben wir leider nicht angetroffen, dafür aber konnte Arnoldo Kontakte erneuern bzw. neu knüpfen mit der Dezernentin für Familie und Soziales, der Sozialarbeiterin, dem Psychologen und der Sekretärin des Bürgermeisters. Wir hoffen, dass das Treffen Antorchas hilft, noch enger mit den Verantwortlichen vor Ort in Zukunft arbeiten zu können.

Aufgrund der jahrelangen guten Zusammenarbeit mit tdh haben sich Arnoldo und sein Team eine besondere Überraschung ausgedacht. Die Einweihung des neuen Schulgebäudes in Gamero, einem anderen Standort des Projektes, fand just am Tag unseres Besuches statt. Ein großes Fest sollte uns erwarten. Die Bilder sprechen für sich. Zudem hatten wir die Ehre, uns mit einer Botschaft auf einer Wand der neuen Schule zu verewigen. Wir waren überwältigt, das erlebt zu haben.

Klaus Peter

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