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Chance auf Spiel

Spielen ist für viele Kinder nicht selbstverständlich

Jeden Nachmittag verwandelt sich ein von Metallzäunen eingefasster Betonplatz, beschattet von heruntergekommenen Hochhäusern und beschallt vom Großstadtlärm der südafrikanischen Metropole Johannesburg, in einen Ort voller Lebendigkeit und Energie. Wo niemand es vermuten würde, im Stadtteil Hillbrow, der vor allem als sozialer Brennpunkt mit hoher Kriminalität berüchtigt ist, sind für Mädchen und Jungen sichere Spielräume entstanden.

Die terre des hommes-Partnerorganisation Jo’burg Child Welfare brauchte jedoch einen langen Atem, bis das Projektzentrum »Thembalethu « unlängst in der lokalen Presse als »Island of Optimism« Schlagzeilen machte. »Wir haben über viele Jahre Spiel- und Sportaktivitäten für die Kinder des Stadtteils angeboten, manchmal kamen ganze Schulklassen, die sonst nicht wussten, wo sie sich austoben konnten«, berichtet Carol Bews, Direktorin von Jo’burg Child Welfare. Trotz zwischenzeitiger Rückschläge wie Vandalismus und Diebstahl, hielt eine Allianz aus Stadtverwaltung, Polizei, Hilfsorganisationen und den Menschen des Viertels an der Vision fest und sorgt nun gemeinsam dafür, dass »Thembalethu« nicht nur dem Wortsinn nach »unsere Hoffnung« für Kinder der Innenstadt bedeutet.

Freizeiträume dauerhaft erschließen

Handlungsbedarf besteht überall auf der Welt, wenn es darum geht, Kindern Spiel- und Sportmöglichkeiten zu verschaffen. In Brasilien etwa sind die Armenviertel zu eng bebaute Gebiete, denen keinerlei Stadtplanung zugrunde liegt. Nicht nur, dass Spielplätze oder Sportfelder in dem Entstehen der großen Elendsviertel, der Favelas, nie eine Rolle gespielt haben, es fehlt schlichtweg der Platz, solche Freizeiträume dauerhaft zu erschließen. Auf der Straße herrscht außerdem das Gesetz der Stärkeren – kriminelle Banden dominieren einzelne Viertel und machen das Spielen draußen zu einem Sicherheitsrisiko. Partner von terre des hommes, die im Raum São Paulo das Programm »A chance to play« umsetzen, müssen daher immer wieder Kreativität beweisen – mit einem Spiel- und Sportkonzept etwa, das sich dem Platzmangel anpasst, aber auch pädagogisches Arbeitsinstrument wird und angesichts der sozialen Spannungen im Umfeld der Kinder spielerisch eine Kultur der Gewaltlosigkeit propagiert.  


Überflüssiger Zeitvertreib?

Aber es sind nicht nur fehlende sichere Räume oder mangelndes Bewusstsein über die Bedeutung von Spiel für die kindliche Entwicklung bei Eltern, Lehrern und politischen Entscheidungsträgern: Viele Kinder können nicht spielen, weil sie arbeiten oder die Familie unterstützen müssen, etwa, indem sie sich um jüngere Geschwister kümmern, Vieh hüten oder auf dem Feld mithelfen. Und auch in Europa gibt es Spielverderber: Immer vollere Stundenpläne und wachsender Leistungsdruck machen Spielen zum einem zeitlichen Luxus oder überflüssigen Zeitvertreib, statt als eine Grundlage und Form von Lernen verstanden zu werden. Computer und Smartphones tun ihr Übriges, um Kinder und Jugendliche zu Stubenhockern zu machen, die virtuelle Kontakte pflegen, anstatt sich mit ihren Altersgenossen in der realen Welt spielend auseinanderzusetzen. Dabei kann gemeinsames Spielen auch für eine generationenübergreifende Verständigung sorgen. Kulturübergreifend beispielsweise zeigen Großmütter ihren Enkeln, was sie selbst früher gespielt haben. So entstehen Gespräche über Kultur, Werte und Traditionen.  

Optimale Entwicklung

Die umfassende Bedeutung von Spielen für das Leben von Kindern hat unlängst auch die Kinderrechtskommission der Vereinten Nationen in einem eigenen Rechtskommentar zum Artikel 31 der UN-Kinderrechtskonvention über das »Recht auf Spiel« betont. Solche Kommentare haben besonderes Gewicht, gelten den Regierungen als Leitlinien, wie Rechte und Bestimmungen der UN-Kinderrechtskonvention besser umzusetzen sind. Fast 25 Jahre nach Verabschiedung der Konvention durch die Vereinten Nationen wird nicht nur erläutert, warum der Zugang zu Spielmöglichkeiten unabdingbare Voraussetzung für optimale Entwicklung und Wohlbefinden des Kindes ist. Die Kommission zeigt sich auch besorgt darüber, dass Jungen und insbesondere Mädchen, die in Armut aufwachsen, mit Behinderungen leben oder zu Minderheiten gehören, das Recht auf Spiel häufig verwehrt bleibt. Die Verpflichtungen für die Staaten schließlich enthalten eine Reihe von Vorgaben: mehr Aufklärungsarbeit über den Wert des Spiels, aber auch sehr konkrete Empfehlungen für die Stadtplanung und das schulische Umfeld. Eingeflossen in das UN-Dokument sind zahlreiche Analysen und Forderungen von Organisationen, die sich seit langem für das Recht auf Spiel einsetzen, darunter auch Partner von terre des hommes. Sie können nun auf ein weiteres nützliches Werkzeug in ihrer Arbeit als »Spielbotschafter« zurückgreifen. Doch überzeugender noch als jedes Strategiepapier sind ein nachmittäglicher Besuch in der Innenstadt von Johannesburg, ein Ausflug in den neuen »Play Park« am Rande der simbabwischen Hauptstadt Harare oder Mitkicken bei den Straßenfußballern in São Paolo. Kein Zweifel: Spielen macht stark!

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