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Indien: Neues Gesetz zu Kinderarbeit

Das indische Kabinett hat einer Gesetzesinitiative zugestimmt, die die Arbeit von Kindern in Familienbetrieben unter bestimmten Bedingungen bereits für unter 14-Jährige erlaubt. Der Leiter des terre des hommes-Büros in Bangalore, P.E. Reji, hält das für eine große Gefahr und fürchtet die Stärkung des Kastensystems. Iris Stolz sprach mit ihm bei seinem Besuch in Osnabrück.

Herr Reji, was halten Sie von der aktuellen Initiative der indischen Regierung, Kinderarbeit in Familienbetrieben auch für unter 14-Jährige zu erlauben?

Nichts. Kinder gehören in die Schule, und es sollte keine Ausnahmen geben.  

Das Gesetz will ja die Schulpflicht nicht abschaffen. Laut Pressemeldung der Regierung geht es um Arbeit nach der Schule und in den Ferien.

Die Details des Gesetzes sind noch nicht bekannt, aber wir fürchten, dass es das Kinderarbeitsverbot aufweichen und viele Mädchen und Jungen vom Schulbesuch abhalten würde. In Indien gibt es immer mehr informelle Arbeit und Heimarbeit. Wie soll kontrolliert werden, ob Kinder lediglich ihren Eltern ein paar Stunden nach der Schule helfen oder in hohem Maße zum Familieneinkommen beitragen? Außerdem ist es wichtig, dass Kinder sich nach der Schule ausruhen können.

Zur Begründung der Initiative wurde gesagt, man müsse das soziale Gefüge der indischen Gesellschaft bedenken und die Kinder würden bei der Arbeit zu Hause viel von ihren Eltern lernen.

Was soll das heißen? Es heißt, dass diese Regierung indirekt das alte Kastensystem erhalten will. Welche Kinder arbeiten? Es sind nicht die Brahmanen-Kinder aus den Familien, die die Macht haben. Es sind die Dalit-Kinder aus den alleruntersten Kasten. Das soll so bleiben und Kinder sollen früh daran gewöhnt werden, das zu tun, was ihre Eltern tun. Hinter diesem Gesetzesvorschlag steht die Stärkung des Kastensystems.

Aber wenn Familien sehr arm sind und die Mitarbeit ihrer Kinder brauchen?

Das Einkommen, das ein Kind zum Beispiel in der Landwirtschaft erwirtschaften kann, ist sehr gering und nicht überlebenswichtig. Wir haben Erfahrungen mit Tausenden Mädchen und Jungen, die im informellen Sektor gearbeitet haben und jetzt zur regulären Schule gehen. Den Familien schadet das nicht. Die Bauerneltern können die drei oder vier Kühe, die sie haben, auch mitnehmen zu ihrer Arbeit aufs Feld. Es gibt keine Notwendigkeit, die Kinder zu Hause zu behalten. Das Problem ist ein anderes: Die Schulen sind oft so weit weg oder so schlecht, dass Eltern keinen Sinn darin sehen, ihre Kinder jeden Morgen dorthin zu schicken.

Oft gehen indische Kinder vier oder fünf Jahre zur Schule und können immer noch nicht lesen und schreiben. Viele Lehrer erscheinen nicht zum Unterricht oder sind sehr demotiviert.

Das stimmt. Und wenn die Eltern merken, dass die Kinder vom Schulbesuch nichts haben, dann lassen sie sie lieber arbeiten. Wir brauchen dringend bessere Schulen, die auch für alle Kinder erreichbar sind. Wir brauchen bessere Lehrer und wir brauchen Toiletten. Viele Mädchen verlassen die Schule, weil es dort nicht genug Toiletten gibt. Oder es gibt kein Trinkwasser. Oder einen Lehrer für fünf verschiedene Alternsstufen oder für 200 Kinder. Das muss sich ändern. Ansonsten können wir die Eltern oder auch die Kinder nicht motivieren, zur Schule zu gehen.

Kann man mit öffentlicher Schulbildung in Indien überhaupt  einen guten Job bekommen?

Es geht nicht nur darum. Es geht auch zum Beispiel um die Fähigkeit, die eigenen Interessen durchzusetzen, um Löhne zu verhandeln und sich auszudrücken. Geschulte Leute lassen sich nicht so viel gefallen. Das führt zu einer Veränderung in der Gesellschaft.

Die indische Regierung gibt nicht viel Geld aus für Bildung.

Ja, weniger als vier Prozent des Bruttoinlandsprodukts werden in Bildung investiert. Kaum mehr als in den Verteidigungsetat. Vor wem haben wir Angst?

22.5.15

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