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»Bitte geben Sie mir Sauerstoff!«

Die Corona-Pandemie hat Indien in eine tiefe Krise gestürzt. Das Land hat augenblicklich die höchste Zahl an täglichen Todesfällen. Jadoo* ist 21 Jahre alt und lebt in der indischen Hauptstadt Delhi. Er arbeitet dort für eine lokale Nichtregierungsorganisation.

Wie ist die Situation im Moment in Deinem Umfeld?
Die Situation in Indien, vor allem aber in Delhi, ist katastrophal. Ich spreche aus eigener Erfahrung, denn ich war selbst mit Corona infiziert und lag in einem der staatlichen Krankenhäuser in einem Zimmer mit vier Patienten. Als es immer mehr Infizierte gab, wurden in den Zimmern zusätzliche Betten aufgestellt. Die Menschen kommen in der Hoffnung auf Hilfe, aber sie bekommen keine: Es gibt nicht genug Sauerstoff in den Krankenhäusern. Überall in Delhi mangelt es an Sauerstoff, genau wie in anderen Bundesstaaten. Wir bekommen auch keine Medikamente oder Hygienartikel. Es gibt zwar Läden, in denen solche Waren angeboten werden, aber zu deutlich überhöhten Preisen. Gestern sagte ich zu meiner Mutter: »Bitte kaufe mir ein paar Handschuhe«. Als sie zurückkam, erzählte sie mir, dass Handschuhe, für die man normalerweise 200 bis 300 Rupien zahlt, jetzt auf einmal 500 Rupien kosten. 

Was hast Du im Krankenhaus erlebt?
Das Essen war schlecht, und es gab keine richtige Behandlung. Es kamen Krankenschwestern, die fragten »Welches Problem haben Sie?«. Dann gingen sie wieder. Sie riefen keinen Arzt. Wenn Patienten kurz vor dem Ersticken waren, sagten sie, dass ihre Kollegen gleich kommen würden. Doch es kam niemand. Die Menschen starben vor meinen Augen. Da war ein Patient auf meinem Zimmer, etwa 25 oder 26 Jahre alt. Er litt an Tuberkulose. Sein Sauerstoffgehalt lag bei 70-75 Prozent. Er bat den Arzt: »Bitte versorgen Sie mich mit Sauerstoff!«. Nichts passierte. Er wurde in der Nacht eingeliefert, am Morgen starb er. In meiner Gegend sterben jeden Tag Menschen. Die Leute haben große Angst vor dem Corona-Virus. Da die Toten meist noch drei bis vier Tage im Krankenhaus bleiben, breitet sich Covid weiter aus. Erst danach werden die Leichname zum Friedhof gebracht und dort verbrannt. 

Du sagtest, dass um Dich herum im Korridor Leichname lagen.
Die Ärzte haben die Verstorbenen in der Nähe meines Zimmers aufbewahrt. Der Geruch war sehr schlimm.

Dann ist ein Krankenhaus im Moment kein guter Ort für Covid-Patienten?
Ich will nicht sagen, dass die Ärzte nicht ihr Bestes geben wollen. Sie versuchen es. Aber sie sind auch erschöpft und übermüdet wegen des Personalmangels. Während meines Aufenthalts sagte eine Krankenschwester zu mir: »Sie können sich selbst etwas zu essen nehmen, wir können ihnen nichts geben. Wir berühren die Körper der Patienten mit unseren Händen und könnten Sie sonst anstecken.« Wir haben einen immensen Personalmangel in den Krankenhäusern von Delhi, und es gibt so gut wie keine Intensivbetten, in denen die Menschen im Notfall behandelt werden könnten.

Wie bist Du aus dieser Hölle wieder herausgekommen?
Mir ging es vergleichsweise gut, aber der Corona-Test war positiv, also musste ich ins Krankenhaus in Quarantäne und Isolation. Ich sah Menschen, die nicht genug Luft bekamen und Sauerstoffflaschen in irgendwelchen Geschäften kauften, um sie mit ins Krankenhaus zu nehmen. Es rufen mich sogar Leute an und fragen, ob ich Sauerstoff habe oder von irgendwo besorgen könne. Gefragt wird auch nach Medikamenten, die jetzt sehr teuer geworden sind. Oft haben sich die Preise verdoppelt.

Wie hast Du ein Bett im Krankenhaus bekommen?  Warum musstest Du ins Krankenhaus in Quarantäne? Warum bist Du nicht zu Hause geblieben?
Eigentlich bin ich ins Krankenhaus gegangen, weil ich mit mehreren Personen in einem sehr kleinen Haus lebe. Wir haben dort nicht einmal eine Toilette. Mein Vater ist gelähmt. Ich habe zwei Neffen, die noch sehr klein sind. Wenn ich dort in Quarantäne gegangen wäre, hätte ich sie gefährdet.

Zu Beginn trafen die Auswirkungen ja zunächst vor allem ältere Menschen. Jetzt aber sind auch Kinder und Jugendliche davon betroffen.

Wir haben einen Lockdown, daher haben viele Leute keine Arbeit mehr und können kein Geld verdienen. Das sind die größten Auswirkungen im Moment. Meine Mutter ist auch eine Tagelöhnerin. Und auch sie musste ihre Arbeit aufgeben. Jetzt muss ich meine Familie allein ernähren. Insgesamt acht Personen leben in unserem Haus. Ich habe drei Schwestern, eine von ihnen ist Witwe. Sie lebt mit zwei Kindern bei uns. Dazu noch mein Vater, meine Mutter und ich.

Womit verdienst Du Dein Geld?
Ich arbeite für eine lokale Nichtregierungsorganisation. Aber mit dem, was ich verdiene, kann ich die Bedürfnisse meiner Familie nicht erfüllen. Ich habe nur ein kleines Gehalt.

Welche Auswirkungen hat die Pandemie auf Kinder?

Die Kinder sind zu Hause, denn die Schulen sind geschlossen. Die indische Regierung hat die Prüfungen auf unbestimmte Zeit verschoben. Die Schüler sind sehr verunsichert, weil sie nicht wissen, wie es weitergeht. Viele Kinder sind deprimiert.

Es ist also eine wirklich schwierige Situation im Moment. Was sind Deine Erwartungen und Wünsche für die Zukunft?

Ich bete zu Gott, dass die Situation bald besser wird. Dass wir wieder frei von Masken sind und überall hingehen können, ohne Angst haben zu müssen.

*Name von der Redaktion geändert

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