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Pakistan: Zwei Jahre nach der Flut

Im Jahr 2010 wurde Pakistan von einer verheerenden Flutkatastrophe heimgesucht. Etwa 20 Millionen Menschen waren betroffen; viele verloren ihr Leben, ganze Dörfer und Ernten wurden vernichtet. Die Schäden wurden auf zehn Milliarden US-Dollar geschätzt. Die pakistanische Regierung ließ keine große Bereitschaft erkennen, den Opfern schnell und umfassend zu helfen. Als im Jahr darauf erneut die Flüsse über die Ufer traten, waren erneut etwa neun Millionen Menschen betroffen. Darunter waren viele, die bereits unter der Flutkatastrophe zu leiden hatten. Auch heute, zwei Jahre nach der Flut, sind die Folgen der Flut noch immer spürbar. Die Überlebenden fühlen sich von der pakistanischen Regierung in Stich gelassen.

Noch immer leben viele der Flutopfer in den Auffanglagern an den Stadträndern von Karachi oder Hyderabad, in die sie vor den Wassermassen evakuiert worden waren. In den Lagern haben sich die Behörden weder um Schulen noch um ärztliche Versorgung gekümmert, es gibt keine Wasserversorgung oder Kanalisation. Dazu müssen die Menschen mit der ständigen Unsicherheit leben, erneut vertrieben zu werden: Wenn Bauunternehmen Interesse an dem Land haben, können diese von einem Tag auf den anderen geräumt werden. Zwar hatte die Regierung versprochen, dass Flutopfer auf Wunsch Baugrund in Karachi zugewiesen bekommen könnten, doch dieses Versprechen wurde nicht eingehalten.

Zwangsarbeiterähnliche Bedingungen
Um sich und ihre Familien über die Runden zu bringen, arbeiten die meisten Männer als Tagelöhner in Fabriken oder auf Baustellen. Die wenigsten wollen zurück in ihre Dörfer. Dort erwartet sie ein Leben in zwangsarbeiterähnlichen Bedingungen, abhängig von der Gunst eines Großgrundbesitzers, so Karamt Ali, der Leiter der pakistanischen terre des hommes-Partnerorganisation PILER. Die Kleinbauern nehmen üblicherweise einen Kredit beim Landbesitzer auf und zahlen ihn nach der Ernte zurück. Die meisten verloren ihre Ernte durch die Flut, doch die Großgrundbesitzer fordern weiterhin die Kredite zurück, oder sie sollen durch Arbeit abgegolten werden. Der pakistanische Staat hat auf Druck der einflussreichen Großgrundbesitzer bisher keine Regelung gesucht, um einen Ausgleich zu schaffen.

Stattdessen hat die pakistanische Regierung den Empfängerkreis der Hilfsgelder stark reduziert. So wurde beschlossen, lediglich den Familien finanziell unter die Arme zu greifen, deren Haus durch die Fluten beschädigt worden war. Familien, die nur ihre Ernte verloren hatten, blieben außen vor. Zudem musste man offiziell als Familienoberhaupt registriert sein, um Hilfe zu beantragen. Durch diese Regelung blieb vielen Frauen der Zugang zu Hilfsgeldern verwehrt. Auch wurden ganze Bevölkerungsgruppen bei der Vergabe der Hilfszahlungen diskriminiert. Beispielsweise erhielt die hinduistische Volksgruppe der Dalit keine finanziellen Hilfen.

Wiederaufbau von Schulen
Die Flutkatastrophen von 2010 und 2011 trafen vor allem die arme, strukturell benachteiligte Landbevölkerung. "Diese Menschen hatten schon vorher kaum eine Chance auf Bildung oder angemessene medizinische Versorgung", erklärt Projektpartner Karamt Ali. Durch die ausbleibenden Hilfen zementiert die pakistanische Regierung diese Situation für Jahrzehnte. Schätzungsweise 10.000 Schulen wurden 2010 von der Flut zerstört. Auch nach zwei Jahren sind die meisten nicht wieder aufgebaut. Lediglich dort, wo Hilfsorganisationen tätig waren, wurden Schulen gebaut. terre des hommes hat in seinem Wiederaufbauprogramm den Bau und Instandsetzung von insgesamt 44 Schulen finanziert.

Auch nach zwei Jahren ist seitens der pakistanischen Regierung noch viel zu tun. Aufgrund der Klimawandels hat sich der Monsun-Regen verändert und bedroht praktisch alle Regionen des Landes mit Überflutungen. Doch die Regierung konzentriert ihre Ausgaben nach wie vor auf dem Verteidigungsetat, statt in Entwicklung zu investieren. Auch die Raten für die Tilgung der Schulden des pakistanischen Staates sind immens hoch. Daher fordern die terre des hommes-Partner in einem gemeinsamen Dokument einen neuen Gesellschaftsvertrag, der den Staat in die Pflicht nimmt, seinen Bürgern die verfassungsgemäße Grundversorgung zu sichern. Ebenso fordern sie eine Landreform, eine Verbesserung der Gleichberechtigung zwischen Frau und Mann, dass die Rechte von Kindern und ethnischen Minderheiten geachtet werden. Und vor allem, dass ein effektives Katastrophenmanagements konsequent Umgesetzt wird.

Die terre des hommes-Projektarbeit in Pakistan

terre des hommes ist seit 2010 in Pakistan tätig. Umgesetzt werden 27 Projekte mit einem Gesamtvolumen von 3,1 Millionen Euro. Bislang wurden mit den Maßnahmen etwa 25.000 Menschen erreicht. Zunächst war es vor allem Nothilfe, die geleistet wurde: Lebensmittel wurden verteilt und medizinische Versorgung geleistet. Anschließend wurde mit dem Wiederaufbau begonnen. Häuser und Schulen werden gebaut, und die Menschen werden dabei unterstützt, sich ein Einkommen zu sichern. Ein Schwerpunkt ist die Förderung von Mädchen und Frauen. ...mehr

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