Sie sind hier:

Die Straßenkinder von Maputo

»Meninos de Mocambique« hilft mit Zuwendung und Bildung

In die Baixa sollte man nicht allein gehen: »Finstere Gestalten« seien in der Altstadt von Mosambiks Hauptstadt Maputo unterwegs, warnen Reiseführer. Junkies, Diebe und Prostituierte sind in der Baixa zuhause. Aber um zu »Meninos de Mocambique« (MDM) zu kommen, muss man in die Baixa. Die terre des hommes-Partnerorganisation hat hier ihr Büro, denn hier kümmert sie sich um einige der »finsteren Gestalten«, um die etwa 230 Straßenkinder von Maputo.

Es ist neun Uhr morgens und in den Räumen unter dem Büro sind ein Dutzend zehn- bis 16-jährige Jungen beim Kickern. MDM betreibt hier ein offenes Zentrum, wo die Jugendlichen sich und ihre Kleidung waschen und Ruhe und Schutz vor der Gewalt auf der Straße finden. Bei Problemen bekommen sie Rat und Hilfe. Wenn sie krank sind, werden sie zum Arzt gebracht. »Wir bieten ihnen ein bisschen Geborgenheit und Anerkennung«, erklärt Abdul Remane, Programmleiter bei MDM, die Arbeit im offenen Zentrum. »Wir haben Erzieher, die sich bemühen, sie wieder in ihre Familien zu integrieren, und andere, die sich um Ausbildungsmöglichkeiten kümmern. Wir sorgen dafür, dass sie Papiere bekommen, damit sie nicht von der Polizei verhaftet werden und Arbeit finden können. Die Kinder spielen aber auch, zum Beispiel Theater.«

Abdul ist in der Baixa bekannt: Wir sind kaum hundert Meter im Auto gefahren, da klopft schon ein etwa 16-jähriges Mädchen an die Windschutzscheibe. Sie ist hochschwanger. Und traurig. Und sie braucht Rat. »Das Baby wird nicht bei ihr bleiben können«, sagt Abdul. »Sie lebt auf der Straße und das sind keine guten Bedingungen für ein Baby.«

Wie sind diese Bedingungen?, will ich wissen. Und wir fahren zu einer Ruine in der Nähe der »Praza da Independencia«. Hier haben sich etwa 15 Straßenkinder eingerichtet, sieben sind »Zuhause«. Es stinkt erbärmlich ach Urin, überall liegt Müll. In der ersten Etage haben die Kinder sich große Betten mit Vorhängen gebaut. Ein Feuer brennt, irgendjemand macht Tee. Wovon leben sie? Was essen sie? »Die Mädchen prostituieren sich«, sagt Abdul. »Die Jungen bewachen und waschen Autos, verkaufen etwas, betteln, was sich gerade so bietet.«   Viele Straßenkinder sind vor häuslicher Gewalt geflohen, andere haben Mutter, Vater oder beide Eltern verloren und wissen nicht wohin. Oft kommen die Kinder vom Land und wurden von Verwandten nach Maputo geholt. Aber statt zur Schule zu gehen, müssen sie von sehr früh bis sehr spät arbeiten. Sie übernachten unter schlimmen Bedingungen, bekommen kein Geld und werden geschlagen. Irgendwann halten sie es nicht mehr aus und laufen weg. Und niemand sucht sie.

MDM versucht trotzdem, die Kinder zur Rückkehr in die eigene oder eine Ersatzfamilie zu bewegen und den Schulbesuch wiederaufzunehmen. »Wir müssen herausfinden, was das Problem ist«, sagt Abdul. »Häufig ist es Alkoholismus, extreme Armut, Gewalt. Wir arbeiten dann mit der ganzen Familie, manchmal auch mit einer Tante oder einem Onkel. Die Waisenhäuser sind die letzte Wahl. Wenn die Kinder zurück nach Hause gehen, unterstützten wir bisweilen auch die Familie mit etwas Geld, damit sie zum Beispiel ein kleines Geschäft aufmachen kann. Denn oft wird ein Kind, das nach Hause kommt, als zusätzlicher Esser gesehen. Wir müssen das auffangen.«

Vorsorge in den Armenvierteln

Damit Kinder gar nicht erst auf der Straße landen, arbeitet MDM auch präventiv: In den Armenvierteln Polana Canico und Luis Cabral werden mit Hilfe von terre des hommes 300 Mädchen und Jungen betreut, die in prekären Familienverhältnissen leben und gefährdet sind, irgendwann auf den Straßen der Baixa zu landen. MDM kümmert sich darum, dass Kinder im Schulalter in der Schule angemeldet werden und besucht die Familien, in denen sie leben. Es gibt in beiden Vierteln ein Zentrum, in dem sie mit Hilfe einer Lehrerin den Unterrichtsstoff aus der Schule vertiefen und spielen können. »Sie haben viel gelernt und trauen sich jetzt zu fragen, wenn sie etwas nicht verstanden haben«, sagt Abdul stolz.

MDM zahlt den Kindern auch die Schuluniform und die Bücher, die sich ihre Familien nicht leisten können. Und MDM sorgt für die Weiterbildung von Lehrern: »Wir sind sehr froh, dass terre des hommes das  bezahlt«, sagt Abdul. »Denn unsere Lehrer müssen viel mehr auf das einzelne Kind, seine familiäre Situation und seine Bedürfnisse achten. Im letzten Jahr haben wir zehn Lehrer an den Wochenenden fortgebildet. Sie sollen vorbereitet sein auf die Kinder, die wir betreuen und ihre soziale Situation in den Familien besser verstehen.«

Mauricio ist eines der von MDM betreuten Kinder. Als wir ihn zuhause besuchen wollen kommt er gerade von der Schule. Er ist den Tränen nahe und es dauert lange, bis er erklärt: Es hat am Morgen stark geregnet, seine Bücher und Hefte, die er von MDM bekommen hat, sind klitschnass geworden. Der Sozialarbeiter, der das Projekt im Viertel Luis Cabral koordiniert, nimmt ihn liebevoll in den Arm – Mauricio lächelt erleichtert.

Zum Seitenanfang