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Port Elizabeth: Gegen das Schweigen

Kein Tag vergeht ohne Horrormeldungen: Warnung vor einem Serienvergewaltiger, Tod eines Mädchens als Folge von Missbrauch, Alle drei Minuten wird eine Minderjährige Opfer von Vergewaltigung ... In südafrikanische Zeitungen sind das nüchterne Nachrichten. Für die Organisation Rape Crisis in Port Elizabeth haben diese Nachrichten Gesichter: Sie gehören vergewaltigten Mädchen und Frauen, die in die ambulante Anlaufstation des Dora Nginza Hospitals kommen und dringend Hilfe brauchen. Im größten Krankenhaus der Stadt befindet sich die einzige spezialisierte Anlaufstelle der Gegend. Rape Crisis betreibt sie in Zusammenarbeit mit der Gesundheitsbehörde und der Polizei. Eine positive Ausnahmeerscheinung integrierter Hilfe: Zwar hat Südafrika eine der höchsten Vergewaltigungsraten weltweit, doch Unterstützungsangebote gibt es viel zu wenige. Dabei decken solche Zentren ohnehin nur die Spitze des Eisbergs ab: Im Durchschnitt kommen zehn Frauen und Mädchen pro Tag zu uns. Doch dies sind nur diejenigen, die überhaupt Hilfe suchen wollen oder können, erklärt Berenice Jacobs, Direktorin von Rape Crisis.

Nicht nur Opfer, sondern Überlebende

Die hohe Zahl der Vorfälle ist beklemmend, und auch Berenice und ihre Kolleginnen lässt die intensive Konfrontation mit diesen Verbrechen manchmal verzweifeln. Nach außen hingegen strahlen sie Kraft aus, um ihrer Klientinnen willen. Vor dem Kontakt mit den betroffenen Frauen und Mädchen machen sie sich bewusst, dass sie es mit Überlebenden, nicht mit reinen Opfern zu tun haben. Die Wortwahl weist auf das Ziel der Maßnahmen: Trotz der traumatischen Erfahrung weiterleben, Kontrolle über das eigene Leben zurückgewinnen. Die Organisation Rape Crisis, die aus den Mitteln der Volkswagen- Belegschaftsaktion "Eine Stunde für die Zukunft" unterstützt wird, leistet oft über Monate psychologische, aber auch praktische Unterstützung, etwa, wenn Frauen nicht mehr nach Hause zurück können. Außerdem startete die Organisation in diesem Jahr einen sogenannten "Dialog der Überlebenden", einen Gesprächskreis, an dem derzeit rund 20 Frauen und Mädchen teilnehmen. "Neben der gegenseitigen Unterstützung wird auch gemeinsam reflektiert: Wie kommt es zu Vergewaltigungen, wie lassen sie sich verhindern, wie können Jugendliche so angesprochen werden, dass sie nicht in die Spirale von Gewalt geraten, auch als Täter", berichtet Berenice Jacobs.

Schweigen aus Scham

Macht, und vor allem ihre ungleiche Verteilung zwischen Männern und Frauen, ist ein wichtiger Faktor, wenn es um Erklärungsversuche für das kaum verständliche Ausmaß von sexueller Gewalt in Südafrika geht. Die Gesellschaft ist männerdominiert, Leute wie Präsident Jacob Zuma gelten als Orientierungsmaßstab: Zuma stand selbst unter Vergewaltigungsanklage und pflegt einen polygamen Lebensstil. Hinzu kommt die Frustration: Viele Männer sind arbeitslos, haben keine Perspektive, versagen als Versorger, als Vorbild, als Vater. Der Übergang von Frustration zu Aggression ist fließend. Oft herrschen regelrecht existentielle Abhängigkeiten zwischen Täter und Opfer. Lehrer missbrauchen Schülerinnen als Gegenleistung für bessere Noten. Mädchen, die zum Familienoberhaupt werden, weil die Eltern gestorben sind, brauchen die Unterstützung anderer Familienmitglieder und werden in ihrer Abhängigkeit ausgenutzt, erläutert Mafata Mogodi, Projektkoordinator von terre des hommes in Südafrika. Missbrauch innerhalb von Familien oder durch Nachbarn bleibe häufig verborgen. Mütter schauen weg, weil sie den Ernährer der Familie nicht verlieren wollen. Auch schweigen viele Opfer aus Scham oder aus Angst vor Verletzung von Tabus: Sexualität wird in der Regel zwischen Kindern und Eltern nicht diskutiert. Für viele Frauen und Mädchen stellt sich später heraus, dass sie neben den seelischen auch für immer körperliche Folgen des Verbrechens zu tragen haben: Viele Täter stecken ihre Opfer mit HIV an. Erzwungener Geschlechtsverkehr wird oft als scheinbar unvermeidlich hingenommen. Die Opfer schweigen, die Täter haben nichts zu befürchten. Frauenrechtsorganisationen zufolge gelangt nicht einmal jeder zehnte Fall in Südafrika in den Gerichtssaal, Verurteilungen gibt es kaum. Das bedeutet auch, dass viele Frauen eine Wiederholung der Tat fürchten müssen: Ich habe Angst, in meiner Nachbarschaft unterwegs zu sein weil ich weiß, dass der Täter noch frei herumläuft, sagt Siphokazi (Name geändert), eine junge Frau, die regelmäßig am Dialog der Überlebenden von Rape Crisis teilnimmt. Verbesserungen der Sicherheit in ihrem Lebensumfeld gehören daher auch zu den Schwerpunkten, die sich die Gruppe für ihre Arbeit in nächster Zeit vorgenommen hat.

Lücken bei der Strafverfolgung

Rape Crisis hat es im vergangenen Jahr geschafft, gemeinsam mit rund 200 Betroffenen vor Gericht zu gehen - trotz aller Ängste und Zweifel an einem erfolgreichen Ausgang. Dieser Schritt wurde mit Rechtsexperten und Psychologinnen vorbereitet. Damit mehr und mehr Frauen und Mädchen diese Entscheidung treffen, müssen sich auch die Bedingungen bei den Behörden ändern: Die terre des hommes-Partnerorganisation betreibt daher auch unermüdlich Lobbyarbeit und weist im Verbund mit anderen auf Lücken bei der Strafverfolgung sowie unzureichend ausgestattete Gerichte hin, wo Klägerinnen zum Teil Jahre auf die Verhandlung warten. Auch sind Betroffene auf vielen Polizeistationen weiteren Demütigungen ausgesetzt, statt sofort kompetente Hilfe zu erhalten. Veränderung braucht breite Aufmerksamkeit und besseres Wissen. Rape Crisis besucht daher auch regelmäßig Schulen: Im vergangenen Jahr lernten rund 11.000 Kinder in kindgemäßer Weise, wie sie sich vor sexueller Gewalt schützen können und wo sie Hilfe finden. Denn sexuelle Gewalt trifft in einem hohen Maße Kinder und Jugendliche: Eine Auswertung von Polizeistatistiken, veröffentlicht von der Kapstädter Organisation Rapcan, zeigt, dass Minderjährige rund die Hälfe der gemeldeten Fälle von Vergewaltigung oder sexueller Nötigung ausmachen. Die meisten Täter stammen aus dem Umfeld - Nachbarn, Freunde und Bekannte sowie Mitglieder des eigenen Haushalts. Veränderung zeigt sich auch, wo nicht mehr weggeschaut wird. Wir arbeiten eng mit nachbarschaftlichen Initiativen zusammen, die auch mit der Polizei vernetzt sind. Frauen und Mädchen, die sexuelle Gewalt erlebt haben, werden immer mutiger, ihre Geschichten bekannt zu machen, sogar öffentlich davon zu berichten. Für viele ist das ein unglaublicher Durchbruch, um mit dem erlebten fertig zu werden, erklärt Berenice Jacobs.

Null Toleranz gegenüber Gewalt

Dass sexuelle Gewalt nicht als Schicksal hingenommen werden muss, ist auch eine der zentralen Botschaften im Rahmen der jährlichen Aktionstage gegen Gewalt an Frauen und Kindern. Ab Ende November steht in Südafrika das Thema 16 Tage lang im Mittelpunkt von Medienbeiträgen, Diskussionsveranstaltungen und lokalen Kampagnen. Im vergangenen Jahr führte Rape Crisis zu diesem Anlass einen Marsch durch Port Elizabeth an, dem sich Hunderte anschlossen, darunter auch Kinder und Jugendliche, so Berenice Jacobs. Auch der südafrikanische Staat bekennt sich während dieser 16 days of activism vehement zu Null Toleranz gegenüber Gewalt an Frauen und Kindern. Würde diese verbale Entschiedenheit von verbindlichen und angemessen finanzierten Programmen begleitet, könnte die Arbeit von Rape Crisis viel mehr Mädchen und Frauen helfen, bis sie irgendwann hoffentlich überflüssig wird.

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