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Ein Wasserbüffel geht wieder in die Schule

Ein Zufluchtsort für Mädchen

von Bernd Kubisch

Betteln, Stehlen, Schlafen im Freien, Angst vor Vergewaltigung, das ist der Alltag der mehr als 3.000 Mädchen, die in Davao auf der Straße leben. Kaum ein Mädchen hat die Chance auf einen Schulabschluss und einen Job. Aus Frust nehmen viele Drogen. Doch etliche Mädchen in der 1,5-Millionen-Stadt auf der Insel Mindanao wagen inzwischen einen kleinen, aber wichtigen Schritt nach vorn.

»Erst war ich unsicher, ob ich das Haus betreten soll«, sagt Lovely. Sie ist 16 und neu im Schutzzentrum von Tambayan, der Partnerorganisation von terre des hommes. »Aber ich fühlte mich elend, hatte Hunger und Angst. Ich hatte nichts mehr zu verlieren.« Mit ihrer 15-jährigen Freundin Fee und anderen bereitet sie eine kleine Mahlzeit zu: Fisch und Reis. Die Mädchen dürfen selber einkaufen gehen, im Zentrum erhalten sie ein kleines Taschengeld. »Das tut gut, das habe ich lange nicht mehr gemacht«, sagt Fee. Was schätzen die Teenager an Tambayan? »Ich kann heiß duschen, fernsehen, malen, kochen, bekomme Informationen über meine Rechte. Die Mitarbeiterinnen reden mit meinen Eltern, den Lehrern«, sagt ein anderes Mädchen.

Viele Mädchen schaffen es
Jährlich kommen etwa 600 Kinder zu den Mitarbeiterinnen ins Zentrum, das 1996 mit seiner Arbeit begann. Auch Juristen und Psychologen stehen zur Verfügung. »Manchmal suchen Kinder auch Zuflucht nach Schlägen und Verletzungen und werden von uns zum Arzt begleitet«, erläutert Pilgrim Bliss Gayo, terre des hommes-Projektkoordinatorin für die Philippinen. Nur in Notfällen können die Kinder und Teenager, die meist zwischen zehn und 17 sind, im Tambayan-Haus übernachten. Ziel ist die Reintegration in die Familie, ein Schulabschluss oder eine Ausbildung. Wenn es mit den Eltern gar nicht klappt, hilft manchmal auch eine Tante. Viele Mädchen schaffen es, andere leben weiter auf der Straße, halten aber Kontakt zu Tambayan. Und manche Teenager tauchen nach zwei, drei Besuchen nie wieder auf im Zentrum, bleiben bei ihren Straßengangs als Ersatzfamilie.

Ester Tangpos will es schaffen. Für ihr Alter ist die 15-Jährige zierlich, aber trotzdem ist sie ein »Carabao«, ein Wasserbüffel. So werden die genannt, die in die Schule zurückfinden und in ihrer Klasse dann die ältesten und größten sind. Ester trägt eine weiße Bluse und einen karierten Rock. Schuluniform ist Pflicht. »Lehrer, auch Schüler und Tambayan-Freundinnen helfen mir sehr«, erzählt sie. Das ist nicht überall so. Oft werden »Carabao« in der Klasse gehänselt.

Ester spricht erst langsam und schüchtern, dann schneller und selbstbewusster. »Ich bin unter den besten 20 von 60 in meiner Klasse. Ich will studieren und Managerin werden.« 15 Personen gehören zu ihrer Großfamilie. Ihr Vater ist tot. Ihre Mutter schlug sie häufig. Ester kam immer später nach Hause, ging nicht mehr zur Schule. Dann gab ihr eine Straßensozialarbeiterin den Tipp, zu Tambayan zu gehen. Der Name ist für diese Jugendlichen gewählt: Tambayan heißt »Hang out«. »Die Leute von Tambayan glauben an mich. Das gibt Kraft. Nun glaube ich auch wieder an mich«, sagt Ester. Sie schaut ihre Freundin Charlyn Nadong dankbar an. Diese ist 25 Jahre alt und hat es längst geschafft – von der Straße zur Tambayan-Mitarbeiterin und zum Coach der Mädchen-Fußballteams. James Tibor vom Lehrerkollegium der Santa Ana National High School lächelt Ester und Charlyn an und sagt: »Die Arbeit von Tambayan ist sehr wichtig für unsere Gesellschaft. Wir brauchen solche gemeinnützigen Organisationen. Kommune und Staat haben zu wenig Mittel.«

»Gemeinsam sind wir stärker«
Auch Alona Alod hat große Fortschritte gemacht. Die die 18-Jährige hat einen Halbtagesjob in einer winzigen Grillhütte und verdient knapp zwei Euro. »Ich bin weg von der Straße und den Drogen«, sagt Alona auf der Veranda des Stelzenhauses ihrer Familie. Wie die Hütten der Nachbarn ist das Haus wegen Landmangels in den Ozean gebaut. Wackelige Plankenstege durchziehen das Stelzendorf, Hühner gackern, hinter einem Verschlag grunzen zwei Schweine. Es stinkt nach Müll. Die Bewohner des Armenviertels begegnen den Tambayan-Mitarbeiterinnen mit viel Sympathie: Umarmung, Lächeln, ein freundliches Wort. »Gemeinsam sind wir alle stärker«, sagt Alonas Mutter. Nicht nur Eltern und Lehrer arbeiten mit dem Partner von terre des hommes meist gut zusammen, auch die Kommune bemüht sich. »Es gibt eine gute Kooperation bei der Betreuung von Problemfamilien mit Straßenkindern «, sagt Elena Alingalan von der Stadtverwaltung für Soziales. Bei der schmalen staatlichen Geldzuwendung für die Ärmsten kann Tambayan nun mitreden. »Denn die Mitarbeiterinnen haben einen sehr guten Kontakt zu allen Familien«, sagt die Stadtangestellte.

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