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Angekündigte Katastrophen

Kommentar zum Jahrestag der Rana Plaza-Tragödie

Europäische Unternehmen müssen mehr Verantwortung für ihre Lieferketten tragen

Mehr als 1.100 Menschen starben, als vor einem Jahr das Rana Plaza-Gebäude in Bangladesch einstürzte. Sie waren dabei, Kleidung für den globalen Markt zu nähen, auch für europäische Modeketten. Wenige Monate zuvor waren in anderen Textilfabriken in Bangladesch und in Pakistan fast 400  Menschen im Feuer erstickt oder verbrannt. Die Arbeit als Näherin ist lebensgefährlich, denn Sicherheitsvorkehrungen kosten Geld.  Die Tragödien haben aber noch mehr ans Licht gebracht als katastrophale Sicherheitsstandards in den Zuliefererbetrieben europäischer Modehäuser.

Es mangelt geradezu an allem, was Menschen für ein würdiges Leben brauchen – und was sie angesichts harter Arbeit auch verdienen: Die Löhne von umgerechnet etwa zwei Euro am Tag reichen kaum zum Leben, geschweige denn dazu, eine Familie zu ernähren. Deshalb müssen oft auch die Kinder zum Familieneinkommen beitragen – Schule und Ausbildung bleiben auf der Strecke, der Teufelskreis der Armut setzt sich fort. In den Fabriken, die für die einheimischen Märkte produzieren, werden auch keine besseren Löhne gezahlt und die Arbeitsbedingungen sind eher noch schlechter. Aber gibt uns das das Recht, die Notlage der Menschen auszunutzen und davon zu profitieren?

Das Abkommen zur Feuer- und Gebäudesicherheit, das  nach der Katastrophe von Gewerkschaften, Arbeitgebern, großen Modeketten, der Internationalen Arbeitsorganisation (IAO) und der Regierung von Bangladesch unterzeichnet wurde und nun umgesetzt wird, ist ein wichtiger Schritt. Auch dass viele Markenfirmen bereits in den Entschädigungsfonds eingezahlt haben, der den Verletzten und Hinterbliebenen wenigstens den Verlust von Einkommen und die medizinischen Kosten ersetzen soll, ist lobenswert. Es bringt den Kindern, Männern, Frauen, Geschwistern und Eltern der Toten zwar nicht ihre Angehörigen zurück, aber es erspart zusätzliches Leid durch extreme Armut.

Um jedoch mit gutem Gewissen die Kleidung, die in Bangladesch und anderen Billiglohnländern hergestellt wird, zu kaufen, zu verkaufen und zu tragen braucht es mehr: Erstens müssen Sozial- und Sicherheitsstandards entlang der gesamten Lieferkette besser werden. Es reicht nicht, wenn nur die Zustände in den Nähereien in den Blick genommen werden; auch die vorgelagerten Produktions-Schritte, die Situation auf den Baumwollfeldern, in den Färbereien und Spinnereien steckt in der Kleidung, die in Deutschland und anderen Ländern verkauft wird. Und hier ist das Risiko der Ausbeutung von Kindern oder anderer Menschenrechtsverletzungen oft besonders hoch, beispielsweise arbeiten in indischen Spinnereien viele junge Mädchen unter teilweise sklavenähnlichen Bedingungen.

Gleiches gilt für Subunternehmen und informelle Zuarbeit zu den Textilfabriken: Oft sitzen ganze Familien – auch die Kinder – bei schlechtem Licht in winzigen Wohnungen und nähen in Handarbeit Perlen oder Pailletten auf die Kleidungsstücke. Die Entlohnung dafür ist ein Hohn. Um davon leben zu können muss schnell und sehr lange gearbeitet werden.

Es ist nicht leicht, diese marktgesteuerte Entwertung von Arbeit, die ganze Familien dazu zwingt für Hungerlöhne zu schuften, aufzubrechen. Und viele global tätige Markenfirmen sind bereits aktiv geworden und versuchen, ihre Lieferbeziehungen übersichtlicher, transparenter, langfristiger und vertrauensvoller zu gestalten. Aber solche freiwilligen Initiativen reichen nicht. Die Politik ist gefragt, die Herausforderungen, die die Globalisierung der Wirtschaft mit sich bringt, endlich anzunehmen.

Ein erster Schritt ist die Transparenz der Lieferkette: Unternehmen sollten verpflichtet werden offenzulegen, wo und unter welchen Bedingungen ihre Produkte hergestellt werden. Nur dann können Menschen- und Kinderrechtsverstöße entlang der Lieferkette sichtbar werden und nur dann können wir davon ausgehen, dass ein Unternehmen die Herstellung der Waren, die es auf den Markt bringt, unter Kontrolle hat.

Zweitens: Es kann nicht sein, dass Unternehmen die Preise, die sie ihren Lieferanten zahlen, so weit drücken, dass soziale und ökologische Standards bei der Herstellung nicht mehr finanzierbar sind.  Wir wollen nicht von Hungerlöhnen und mangelhafter Sicherheit profitieren und wir wollen, dass große Unternehmen ihre Marktmacht nutzen, um verantwortliches Handeln bei den nationalen Regierungen und den örtlichen Betrieben in Bangladesch, Indien, Kambodscha oder Pakistan einzufordern. terre des hommes ist der Meinung: Unternehmen können und müssen ihr Einkaufsverhalten so gestalten, dass die Lieferketten weitgehend kontrollierbar sind und Menschenrechte eingehalten werden.

Diese Mitverantwortung darf keine gnädige Geste einzelner Firmen sein. Sie sollte die Pflicht eines jeden Unternehmens sein und muss gesetzlich geregelt werden, damit alle – ohne Ausnahme – unter gleichen Bedingungen arbeiten. Verschiedene Menschenrechtsgruppen, darunter auch terre des hommes, haben sich deshalb in der Kampagne Eigentum verpflichtet – für gesetzliche Unternehmenshaftung zusammengetan. Die Forderung: Gesetzgeber sollen sich endlich dafür einsetzen, dass Unternehmen für die negativen weltweiten Auswirkungen ihrer Geschäftstätigkeit auf Menschenrechte und Umwelt haftbar gemacht werden können. Denn eine Weltwirtschaft, in der sich jene durchsetzen, die  vor Hungerlöhnen, der Ausbeutung von Kindern und katastrophalen Sicherheitsstandards die Augen verschließen, wollen wir nicht. Lieber echte Karriere als falsche Ideale, so der Slogan, mit dem der Textil-Discounter Kik im Herbst 2011 eine Werbekampagne durchführte. Diese Menschen verachtende Mentalität darf nicht gewinnen. Dafür Sorge tragen muss die Politik.

14.4.2014

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