Zum Inhalt springen

Sie sind hier:

Ukraine: Die Angst vor dem Winter

Interview mit Malgorzata Biczyk, Ukraine-Referentin bei terre des hommes

Malgorzata Biczyk, kurz Gosia, kommt aus Warschau. Sie hat in Halle an der Saale studiert und von Januar 2019 bis Januar 2022 in Charkiw gelebt. Seit September betreut sie bei terre des hommes die Projektarbeit in der Ukraine. Wir sprachen mit ihr darüber, wie sich die Menschen in dem kriegsgebeutelten Land auf den Winter vorbereiten und wie terre des hommes ihnen dabei helfen wird.

Gosia, wie kalt kann es in der Ukraine werden?

Minus 20 Grad sind keine Seltenheit. Besonders im Osten gibt es ein Kontinentalklima mit kurzen heißen Sommern und langen, sehr kalten Wintern.

Sind die Menschen in den Kriegsgebieten darauf vorbereitet?

Nein. Viele Häuser haben keine Fenster mehr. Eine Freundin aus Charkiw wohnt mit ihrem sechs Monate alten Kind in einer Ein-Zimmer-Wohnung – ohne Fenster. Sie will aber kein neues einsetzen lassen, weil sie Angst hat, dass die russische Armee die Stadt wieder bombardiert und Glassplitter das Kind verletzen. Sie hat jetzt eine Plastikfolie vor dem Fenster. Andere haben Fensterläden aus Holz oder nageln die Löcher mit Brettern zu, aber dann kommt kein Licht in die Wohnung. Es wird improvisiert.

Funktionieren die Heizungen?

Schulen, Kindergärten, Krankenhäuser und die Plattenbauten sind meist an zentrale Heizwerke angeschlossen. Die Versorgung hat nie gut funktioniert, viele Familien nutzen zusätzlich elektrische Heizlüfter oder Ölöfen. Aber jetzt kommt hinzu, dass die russische Armee jederzeit die Heizwerke oder die Elektrizitätswerke bombardieren kann. In Charkiw haben sie Anfang September das Elektrizitätswerk bombardiert und die Stadt war eine ganze Nacht ohne Strom. Elektrizität ist aber nötig, damit die Heizwerke funktionieren.

Wie gehen die Leute damit um?

Sie versuchen, irgendwie an Wärme zu kommen, oft auf riskante Art und Weise: Sie heizen zum Beispiel mit Kohle- oder Holzöfen und der Rauch wird dann mit einem Rohr aus dem Fenster geleitet. Dabei können Feuer entstehen, und es besteht das Risiko einer Kohlenmonoxidvergiftung. Viele Leute wissen nicht, wie sie mit diesen Öfen umgehen müssen.

Wie ist die Situation in den Familienhäusern?

Wer ein eigenes Haus und eine eigene Heizung hat, könnte im Prinzip heizen. Aber viele Familien können sich den Brennstoff nicht mehr leisten. Sie haben keine Arbeit und verdienen nichts mehr. Es wird permanent kalt sein und kein warmes Wasser geben. Sehr viele Kinder werden frieren und anfällig sein für Infekte.

Kein warmes Wasser?

Wenn die russische Armee wie kürzlich in Charkiw die Elektrizitätswerke bombardiert, gibt es kein warmes Wasser mehr, denn die Pumpen werden elektrisch betrieben.

Fliehen jetzt mehr Menschen in den Westen?

An der polnischen Grenze wurde das bisher nicht so wahrgenommen. Aber es kann noch kommen und Hilfsorganisationen in Polen bereiten sich darauf vor.

Wie bereitet sich der ukrainische Staat auf den Winter vor?

Sie wollen in öffentlichen Gebäuden Wärmezentren einrichten. Die ukrainische Eisenbahngesellschaft hat unsere Partnerorganisation Vostok SOS gefragt, ob sie große Partyzelte, passende Wärmepumpen und Generatoren beschaffen kann. Das ist keine schlechte Idee. Die Zelte können in den Bahnhöfen stehen und bis zu 50 Menschen hätten es warm darin.

Was unternehmen unsere ukrainischen Partnerorganisationen?

Das Wort »winterization« habe ich zum ersten Mal im Juli gehört: Es waren 40 Grad plus, und ein Freund rief mich an: Gosia, wir müssen mit der »winterization« anfangen. Sie bereiten sich also schon seit Monaten vor. Das heißt: Sie müssen Bedarfe ermitteln und für ihre Vorhaben die Finanzierung sicherstellen. Dann müssen sie die Heizgeräte, Generatoren und alles, was sie brauchen, besorgen.

Wie wird terre des hommes helfen?

Auf verschiedene Arten: Vostok SOS soll Geld für große Zelte, Heizgeräte und Generatoren bekommen. Damit werden die Wärmezentren unterstützt, wie es die ukrainische Eisenbahngesellschaft vorgeschlagen hat. Gleichzeitig wollen wir sicherstellen, dass Kinder in diesen Zentren gut aufgehoben sind. Es soll separate Bereiche geben, in denen sie ohne Angst spielen und schlafen können. Auch Betreuer*innen sollen vor Ort sein, sich um sie kümmern und zum Beispiel bei den Schularbeiten helfen.

Außerdem wollen wir Ölöfen, Kohleöfen oder Holzöfen finanzieren, möglicherweise auch größere Heizungen für Schulen, Kindergärten und Krankenhäuser, die vom zentralen Heizsystem unabhängig laufen.

Sehr armen Haushalten mit Kindern, die in kleinen Familienhäusern wohnen, wollen wir Geld für Brennstoff zur Verfügung stellen.

In den Gebieten der Zentralukraine, die im Sommer von der russischen Armee besetzt waren, wollen wir 200 Häuser, in denen kleine Kinder wohnen, mit einem Fenster ausstatten. So ist wenigstens ein Raum geschützt vor Kälte.

Wie ist die Situation in den Gebieten, die von der russischen Armee besetzt waren?

Die russische Armee hat alles zerstört und gestohlen, was man stehlen konnte. Die Folgen machen den Menschen lange zu schaffen. In Isjum, das vor noch nicht so langer Zeit befreit wurde, sind 70 Prozent der Infrastruktur zerstört. Das zentrale Heizsystem funktioniert nicht mehr – der größte Teil der Stadt hat kein warmes Wasser und keine Elektrizität. In anderen Städten gibt es nichts mehr: kein Wasser, keine Heizung, kein Strom. Aber dort leben immer noch Menschen. Es wird bitterkalt sein im Winter, für den Wiederaufbau der Infrastruktur ist nicht genug Zeit. Es wird überlegt, die Menschen in die Städte mit Wärmezentren zu bringen. Aber nicht alle werden das wollen.

Helfen sich die Menschen gegenseitig?

Ja. Der Zusammenhalt ist groß. Ich habe einen guten Freund im Osten der Ukraine, der gestern 50 geworden ist. Vor zwei Wochen hat er seinen Freund*innen geschrieben: Leute, ich werde 50 und ich wünsche mir ein Geschenk. Bitte kauft mir elektrische Heizer für die Kinder in Charkiw. Er hat Geld bekommen und davon 21 Heizlüfter gekauft. Er hat ein Foto geschickt, wo er mit diesen Heizlüftern drauf ist. Alle helfen, so gut sie können und hoffen, dass es Elektrizität geben wird.

23.09.2022

Zurück zum Seitenanfang

Bleiben Sie doch noch einen Moment –
und abonnieren Sie unseren Newsletter!

Jetzt anmelden!

Bleiben Sie informiert.
Abonnieren Sie unseren Newsletter!

Jetzt anmelden!