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Im Tausch für einen Kredit

Senkrecht ragen die Zuckerrohrstangen vor Indrajit aus dem Boden. Tief gebückt, benutzt der zwölfjährige Junge geschickt sein keilförmiges Messer, um sie kurz vor dem Boden abzuschneiden. Dann stapelt er sie am Feldrand und entfernt säuberlich die Blätter vom Strunk. Der Schweiß tropft ihm von der Stirn, der Rücken schmerzt, die Hände brennen.

So sah lange Zeit Indrajits Alltag aus. Zwölf bis 16 Stunden arbeitete der Junge für monatlich rund 1.000 Rupien – etwa 13 Euro – auf einer Zuckerrohrplantage im Bundestaat Uttarakhand im Nordosten Indiens. Ursprünglich stammt er aus Bihar, dem ärmsten Bundesstaat Indiens. Freiwillig hat Indrajit nicht gearbeitet. Sein Vater hatte 3.000 Rupien Schulden und arbeitete mittlerweile als Wanderarbeiter weit entfernt. Der Kreditgeber forderte das Geld zurück – unmöglich für Indrajit, seine Mutter und die fünf kleinen Geschwister. Indrajit blieb daher nichts anderes übrig als mit dem Unternehmer zu gehen, um den Kredit abzuarbeiten.

Kinder in Zwangsarbeit

Indrajit ist kein Einzelfall. Nach Schätzungen der Internationalen Arbeitsorganisation (ILO) sind weltweit rund 5,5 Millionen Kinder als Zwangsarbeiter tätig. Zwangsarbeit ist illegal, und doch sind allein in Indien rund 30 Prozent der Bevölkerung betroffen. Kinder schuften als Sklaven in der Teppich- oder Textilindustrie, in Minen und Steinbrüchen, in Zwangsprostitution, aber auch in der Landwirtschaft oder im Haushalt. Die Ursachen für Zwangsarbeit sind vielfältig. Bei Indrajit liegt der Grund klar auf der Hand: Er gehört zur Gemeinschaft der Musahar – der Kaste der Unberührbaren. Offiziell wurde das Kastensystem abgeschafft, doch im Alltag besteht es fort und führt zur totalen Ausgrenzung dieser Gruppe. Da Musahar als unrein gelten, dürfen sie selbst in Dürrezeiten keine Brunnen nutzen oder als Tagelöhner auf den Feldern arbeiten. Die einzige Chance ist, sich Arbeit weit entfernt von ihrer Heimat zu suchen. Für die Kinder hat das fatale Folgen, denn sie haben keine Chance auf Schulbildung und können aus dem Kreislauf von Arbeit, Bildungsmangel und Armut nicht ausbrechen.

Doch Indrajit hatte Glück: Nach der Plantagenarbeit schlug er sich zweieinhalb Jahre auf Baustellen durch, bevor er wieder in seine Heimat zurückkehrte. Dort wurden die Mitarbeiterinnen der terre des hommes Partnerorganisation Rights Education and Development Centre (READ) auf ihn aufmerksam. Die Organisation betreibt mehrere Zentren, in denen Kinder Bildungs- und Lernangebote wahrnehmen oder spielen können. Gleichzeitig bemühen sie sich, den Einstieg der Kinder in die Arbeit zu verhindern. Das geschieht durch Aufklärungskampagnen und Bewusstseinsbildung in den Dorfgemeinschaften, die Schaffung von Einkommensmöglichkeiten für die Eltern sowie die Verbesserung der Qualität des Bildungssystems. Durch diesen Mix an Aktivitäten für rund 1.000 Kinder und Jugendliche hat sich vor Ort bereits einiges getan. Mittlerweile gehen 90 Prozent der Kinder aus den Zentren in die Schule. Indrajid hat es mittlerweile geschafft: Er ist durch die Unterstützung von READ nun selbstständiger Schneider und stolz darauf, sich sein Leben selbst finanzieren zu können.

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