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Interview zur Dürrekatastrophe in Simbabwe

Frau Berker, Sie waren gerade in Simbabwe. Warum wird das Land so hart von der Katastrophe getroffen?
Wir erleben schon seit einigen Jahren immer unregelmäßigere Regenfälle, die Auswirkungen auf die Ernährungssituation haben. Auch im vergangenen Jahr sind die Ernten in mehreren Provinzen Simbabwes aufgrund fehlender Regenfälle geringer ausgefallen als üblich. Die Ernten eines Jahres müssen jedoch reichen bis zur nächsten Erntesaison, damit die Vorräte wieder aufgefüllt werden können.

Leben die Menschen nur von den Ernteerträgen?
Nein. Wichtig ist, dass mehr geerntet werden kann, als die Familien für den Eigenbedarf gebrauchen. Der Überschuss ist dann dazu da, andere Güter des täglichen Bedarfs zu kaufen.

Was wird denn angebaut?
Bohnen, Weizen und Erdnüsse werden recht häufig angebaut. Hauptsächlich ist es aber Mais, der zu Maismehl verarbeitet wird und das Grundnahrungsmittel darstellt.

Warum ist das Land so extrem von der Dürre getroffen?
Die Folgen des Klimawandels, Stichwort El Niño, bekommen Länder wie Simbabwe immer deutlicher zu spüren. Im Moment sind es die ausbleibenden Regenfälle, gepaart mit den schlechten Ernten des Vorjahres, die die Lebenssituation der Menschen extrem verschärfen. Die Vorräte gehen früher zu Ende, die Haushalte haben wenig Ersparnisse, weil sie weniger verkaufen konnten und die nächste Ernte droht, noch geringer oder ganz auszufallen. Im Oktober und November wurde mit Beginn der Regenzeit wie üblich mit der Anpflanzung der nächsten Ernte begonnen. Doch dann blieb weiterer Regen aus, die jungen Maispflänzchen vertrockneten.  Normalerweise ist mit Niederschlag bis in den März zu rechnen.

Wie stellt sich die Situation für die Familien dar?
Die Familien leben von Subsistenzlandwirtschaft. Sie erlebten, dass die Saat zunächst zwar aufging, aber dann vertrocknete. Da der Mais in einer bestimmten Zeit gepflanzt werden muss und drei Monate unter günstigen Bedingungen, das heißt mit Regen wachsen muss, ist es jetzt meist zu spät, nochmal neu zu säen.  Das Vieh, für viele Familien eine weitere Einkommensquelle, leidet  ebenfalls oder musste verkauft werden, um ein paar Einnahmen zu haben.

Mit einem baldigen Ende der Krise ist also nicht zu rechnen?
Nein, der Höhepunkt der Krise ist noch längst nicht erreicht. Aber bereits jetzt zeigen sich die Auswirkungen auch auf die Situation von Kindern. Die Mangelernährung steigt, Familien lassen nun Mahlzeiten aus, um durch den Tag zu kommen. Die psychische Situation in den Familien ist angespannt und Kinder werden nicht mehr zur Schule oder in den Kindergarten geschickt.

Welche Auswirkung hat das auf die Arbeit der terre des hommes-Partnerorganisationen?
Die terre des hommes-Partnerorganisationen spüren die Krise natürlich in ihrer Arbeit. Zum Beispiel unser Partner CACLAZ. Das ist ein Netzwerk, das sich in der Gegend von Chiredzi in der Provinz Masvingo gegen Kinderarbeit einsetzt und erfolgreich die Wiedereinschulung von Kindern realisiert hat. Die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter sind sehr besorgt. Sie berichteten mir ebenfalls von zunehmenden Schulabbrüchen. Die Kinder kommen nicht mehr in die Schule, weil sie mit leerem Magen dem Unterricht nicht folgen können. Viele müssen auch zum Überleben ihrer Familien beitragen. Sie machen sich auf die Suche nach Arbeit. Damit wächst die Gefahr, dass wieder viele Kinder und Jugendliche versuchen, sich nach Südafrika durchzuschlagen, da die Grenze nicht allzu weit ist. In anderen Familien werden die Kinder aber auch Zuhause gebraucht, um Wasser von immer weiter entfernten Stellen zu holen. Ein weiterer Grund für die Schulabbrüche sind aber auch die Kosten. Den meisten Familien fehlt im Moment das Geld, um den Transport und andere mit dem Schulbesuch verbundene Kosten zu bezahlen. Durch die Krise verschlechtert sich die Ernährungssituation zusätzlich, weil natürlich auch die Lebensmittelpreise vor Ort steigen.

Wie sehen die Partnerorganisation die nächsten Monate?
Alle sind sich bewusst, dass die Menschen vor großen Problemen stehen, zumal Simbabwe sich seit langem in einer schweren Wirtschaftskrise befindet. Unsere Partner wissen, dass es in vielen Fällen erst einmal darum gehen wird, Nahrungsmittel zu verteilen. Langfristig müssen aber Strategien auf Gemeindeebene entwickelt werden, um solche existenziellen Krisen durch Einkommensalternativen zu verhindern.

Weitere Informationen:
So leistet terre des hommes Hilfe für die Dürreopfer in Simbabwe

Hintergrund-Informationen Simbabwe

  • Simbabwe ist ein Land mit einem extrem niedrigen Prokopf-Einkommen. Die Versorgung der knapp 13 Millionen Bewohner des Landes gilt als unzureichend; schätzungsweise 2,8 Millionen Menschen sind von extremer Lebensmittelknappheit betroffen; 1,5 Millionen Menschen verfügen nicht über die Mittel, einen minimalen Nahrungsmittelbedarf zu decken
  • Etwa 72 Prozent der Bevölkerung leben unterhalb der nationalen Armutsgrenze.         
    Eine Erhebung des »Ministry of Health and Child Care« hat ergeben, dass 13,4% der unter Fünfjährigen unterernährt sind und 8,7% dieser Kinder bereits wachstumsbedingte Mangelerscheinungen aufweisen. Diese Zahlen werden höchstwahrscheinlich weiter steigen.
  • Nur 11 Prozent der simbabwischen Kinder zwischen 11 und 23 Monate erhalten eine altersentsprechende Ernährung, ein Drittel der Kinder im Simbabwe leiden unter den Folgen von Fehl- und Unterernährung.
  • Die ländliche Armut hat sich von 63 Prozent in 2003 auf 76 Prozent in 2014 erhöht, dazu kommt, dass die meisten Haushalte Nettokäufer von Nahrungsmitteln sind
  • Im Jahresverlauf 2014/15 sank die Maisproduktion um 51-Prozent
  • gegenüber dem Vorjahr. 
  • Im Ranking des Human Development Index (HDI) belegt Simbabwe Platz 156 von 187. Der HDI ist ein Wohlstandsindikator der Vereinten Nationen. Verglichen werden damit nicht nur die Bruttonationaleinkommen pro Kopf, sondern ebenso die Lebenserwartung und Bildungschancen von Menschen in den verschiedenen Ländern der Erde.    


Simbabwe befand sich bereits vor der aktuellen Krise am wirtschaftlichen und sozialen Abgrund. Das einst florierende Land kann seine Bevölkerung nicht mehr ernähren – eine Folge von Misswirtschaft und politischen Fehlentscheidungen: Viele Simbabwer sind in die Nachbarländer abgewandert, vor allem nach Südafrika, wo sie bessere Chancen haben, etwas Geld zu verdienen. Diejenigen, die sich entschieden haben, in Simbabwe zu bleiben, kämpfen jeden Tag aufs Neue um ihre Zukunft. Für diese Menschen verschärft sich die Überlebenssituation durch die aktuelle Dürre dramatisch.  

25.5.16

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