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Binyavanga Wainaina
Eines Tages werde ich über diesen Ort schreiben
Erinnerungen
Verlag Das Wunderhorn 2013
320 Seiten, 24.80 €
ISBN: 978-3-88423-427-3  
Auch als e-Book erhältlich

Hat es das je in Afrika gegeben, eine Kindheit im geschützten familiären Raum, eine Zeit des Lernens, des Ausprobierens, der Abenteuer?   Binyavanga Wainaina, Autor aus Kenia, beschreibt in seinen Erinnerungen seine Kindheit genau so, auch wenn seine Kindheit nicht unberührt von den gesellschaftlichen Spannungen war. Er wächst in den Jahren nach der Unabhängigkeit Kenias in einer kenianischen Kleinstadt auf. Es ist das Kenia der Aufbruchsjahre nach der Unabhängigkeit 1968, in das der Autor 1971 geboren wird. In den ersten Kapiteln lernen wir den Alltag, das Familienleben, die Schule, die Spiele mit Geschwistern und Freunde kennen, auch die zunehmenden Probleme für die Familie wegen der wieder erwachenden ethnischen Konflikte. Seine eigenwillige und fesselnde Sprache zieht den Leser in den Spannungsbogen dieser Erinnerungen an ein Kenia hinein, das erst 30 Jahre zurückliegt und doch fern scheint.

Ethnische Zugehörigkeit sollen keine Rolle spielen
»Wir sind alle Kenianer …«, mit diesem Satz wachsen auch der Autor und seine Geschwister in der Kleinstadt Nakuru auf. Im ersten Teil des Buches beschreibt er seine Familie als ganz normale städtische Familie, in der die Kinder behütet aufwachsen, gleichzeitig aber auch viele Freiheiten haben. Der Vater arbeitet tagsüber, die Mutter hat einen Frisiersalon, die Kinder werden zeitweise von Kindermädchen beaufsichtigt. Eines, die 15-jährige Wambui, lieben sie besonders und teilen mit ihr die Begeisterung für absurde Situationen, freche Sprüche und Musik aus dem Kongo und den USA. Die Mutter ist aus Uganda, die Namensgebung der Kinder erfolgte abwechselnd nach dem System der Herkunft der Mutter und des Vaters. Aber in den ersten Jahren der spät errungenen Unabhängigkeit Kenias sollte die ethnische Zugehörigkeit keine Rolle mehr spielen. Wie in vielen anderen Mittelschichtsfamilien wachsen die Kinder in dem Bewusstsein auf, dass Kenia die ethnischen Konflikte überwinden kann, und sprechen überwiegend Englisch. Auch Binyavanga besucht- wie damals viele andere Kinder aus Nakuru- staatliche kenianische Schulen. Früh bemerkt Binyavanga, dass ihn Wörter faszinieren, ihre Laute, ihre Bedeutung, ihre Färbung, ihre unterschiedliche Verwendung, mehr noch als die Musik, die allgegenwärtig ist. Noch bevor er 12 Jahre alt wird, ist er sicher, dass er eines Tages Bücher schreiben und nicht nur stunden- und tagelang alle Romane, derer er habhaft werden konnte, verschlingen würde.  

Zunehmende Diskriminierung unter Präsident Moi
Die Veränderung datiert er in den Erinnerungen auf 1983, als er 12 ist. Seine Schwester und er gehören zu den Besten in der Schule und werden doch nicht in den guten High Schools angenommen. Inzwischen heißt der Präsident Moi, und die Aufnahme an Schulen wird plötzlich nach ethnischer Zugehörigkeit organisiert. Sowohl die Mutter als auch der Vater sind nicht passend. Binyavanga erinnert sich an einen demütigenden Angriff auf seine Mutter im Friseursalon, ein Hinweis, dass es immer wieder ethnisch motivierte Feindseligkeiten gab, die dem Satz »wir sind alle Kenianer« Hohn sprachen. Seine Mutter wechselt in eine andere Kirche, er versteht nicht warum. Seine Pubertät erleidet er. Er fühlt sich fremd, schließlich auch zu Hause, denn seine Mutter hat einen Gelähmten aufgenommen, der ihm, wie ihm scheint, den Atem und die Liebe seiner Mutter wegnimmt.

Das Land dörrt aus
Er kommt schließlich in Internatsschulen unter, erlebt Freundschaften, vor allem aber auch Gewalt, die er oft genug nicht versteht oder erst nachträglich als ethnisch motiviert erkennen kann. Eindrücklich beschreibt er die große Dürre von 1984, als es ein Jahr in Kenia nicht mehr geregnet hatte und das Land rot und ausgedörrt glühte. Gerüchte über Rudel tollwütiger Wildhunde geisterten durch das Land, die Gerüchte darüber wurden im Internat ausgetauscht. Das Grasland brannte, und die Wildtiere flohen in die menschlichen Siedlungen, auch an der Schule vorbei. Präsident Moi nutzt die Lage für Angriffe auf oppositionelle Stimmen, auf ausländische Einflüsse und beschuldigt Marxisten, Ugander, westlichen Lebensstil, dem Land den Regen weggenommen zu haben. Diese Erfahrung hat Binyavanga noch regierungsskeptischer gemacht. Die Oberstufenjahre verbringt Binyavanga mit dem Schreiben von Romanen und Theaterstücken, oft zusammen mit seinem besten Freund, und mit einem selbstgeschriebenen, begeistert aufgenommenen Theaterstück beenden sie die Schule.  

Abschied von Kenia Bis zum Dasein als anerkannter Schriftsteller in den USA heute musste er allerdings noch einen langen Weg zurücklegen, der ihn ordentlich durchgeschüttelt hat: Studium und Scheitern in Südafrika, Rückkehr nach Hause, der Aufenthalt bei der Familie der Mutter in Uganda, das fast widerwillige Eintauchen in die ethnischen Zugehörigkeiten und Konflikte in Kenia, der endgültige bewusste Abschied von Kenia.   Wainainas Erinnerungen erhellen einzelne Momente, Zeiten, Ereignisse in ungewöhnlicher direkter Sprache, die der Suche nach der eigenen Identität, dem eigenen Platz im Leben einen gültigen Ausdruck gibt. Am Ende der Erinnerungen sollte man die Kapitel über die Kindheit noch einmal lesen. Denn man kann diese Kindheit auch parallel zur »Kindheit« des unabhängig gewordenen Kenias lesen.   Die Offenheit und Verletzlichkeit des Kindes und Jugendlichen, der fühlt, dass mit seinem Leben etwas nicht in Ordnung ist, spricht aus den Anekdoten der Erinnerungen. Dem Leser wird ein Blick auf viele sehr unterschiedliche Lebenswelten in Kenia und anderen afrikanischen Ländern geschenkt. Das Grundgefühl von Fremdheit in seiner Jugend hat der Autor nach Erscheinen des Buches noch aufgeklärt. Seine Homosexualität, über die nicht geredet werden durfte und die ihm auch selbst nicht verständlich war, hat seine Suche geprägt.

Fazit: Wer sich auf die gelegentlich fragmentarische Erzählweise und den besonderen Sprachrhythmus einlässt, wird mit einer Fülle von Geschichten und Erfahrungen aus dem klein- und großstädtischen Afrika belohnt. Ein Lesegenuss.   

Monika Huber

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