Vaddey Ratner
Im Schatten des Banyanbaums

Unionsverlag  2014
381 Seiten, 21,95 €
ISBN-13: 9783293004702
ISBN-10: 3293004709 

Die Urteile gegen wenige führende Mitglieder der Roten Khmer in Kambodscha sind nach einem für die Überlebenden quälend langen Tribunal gesprochen. Die Roten Khmer haben von 1975 – 1979 über eine Million Menschen getötet, Familien auseinandergerissen und vertrieben. Viele überlebten die Zwangsarbeit nicht, mit der die »neue Gesellschaft« geschaffen werden sollte. Die Autorin beschreibt in Romanform ihre Kindheit. Sie ist fünf  Jahre, als die Roten Khmer die Macht ergreifen. Ihre Familie ist Teil der früheren Königsfamilie, und so beginnt nach einer behüteten und priviligierten Kindheit eine Reise durch die Hölle der Lager und Zwangsarbeit. Die Autorin und ihre Mutter können schließlich nach Thailand fliehen. Sie sind die einzigen Überlebenden der Familie, Vaddey ist dann noch nicht einmal zehn Jahre alt. Der Leser staunt über das Mitgefühl der Autorin, das ihr Buch prägt.

Ein priviligiertes Leben
Die Geschichte der 7-jährigen Ich-Erzählerin Raami ist im Wesentlichen die Geschichte der Autorin. Die Autorin hat die Erlebnisse ihrer Kindheit erst jetzt nach Jahrzehnten veröffentlicht, die Schilderungen der Demütigungen, der Zwangsarbeit, der widerstrebenden Gefühle lassen die Jahre der Reflexion erkennen. Raami hat -wie die Autorin selbst- eine liebevolle frühe Kindheit mit ihrer Familie in einer sehr  privilegierten Situation erlebt, bevor sie wie Hunderttausende von kambodschanischen Kindern und Erwachsenen Vertreibung, Zwangsarbeit, Hunger und Gewalt erleben musste.

Der Bericht von Vaddey Ratner setzt mit dem Jahr der Machtübernahme durch die Roten Khmer 1975 ein. Über die Vorgeschichte erfährt der Leser nichts, denn erzählt wird aus der Sicht der 7-jährigen Raami. Der Vater ist Prinz, aus einem Gespräch in der Familie geht jedoch hervor, dass er zunächst Sympathien für die Roten Khmer hatte. Für Raami ist er ihr ein und alles. Er erklärt ihr die Welt, erzählt ihr Märchen und weist sie in die buddhistische Kultur ein. Sie lernt Respekt gegenüber anderen Menschen, vor der Tradition und der Jahrtausende alten Kultur Kambodschas.

Wachsende Brutalität
Sie lernt früh lesen und bekommt die intensive Ausbildung, die ihrem Stand angemessen ist. Ihre Beinschiene, die sie seit einer Erkrankung an Kinderlähmung tragen muss, ist ihr lästig, auch ihre kleine Schwester Radana empfindet sie oft als Störung. Alles in allem eine unbeschwerte Kindheit. Sie bekommt allerdings die zunehmend sorgenvollen Mienen der Erwachsenen mit und schnappt auch manche Bemerkungen auf, die sie nicht versteht. Sie spürt die Schwere des Abschieds, als die Familie das Haus verlassen muss, glaubt aber an eine baldige Rückkehr und daran, dass der Vater sie immer schützen kann. Solange er da ist, ist alles gut. Zunächst gelingt es der ganzen Familie zusammenzubleiben. Es sind Raami, ihre Schwester, ihre Eltern, ihr Onkel, dessen Frau und deren Zwillinge, außerdem die Großmutter väterlicherseits. Sie können sich gegenseitig helfen und unterstützen und auch anderen Vertriebenen Mut machen. Die Soldaten der Roten Khmer werden mit jeder Station, zu der die Familie gebracht wird, gleichgültiger und brutaler. Die Familie wird schließlich getrennt. Raami, Radana und ihre Mutter landen in einem kleinen Dorf, wo sie von einem älteren Bauersehepaar auf engstem Raum liebevoll aufgenommen werden. Für sie sind sie Ersatzkinder.

Der Mond ist die Verbindung zum Vater
Raami vermisst den Vater, der von den Soldaten mitgenommen wurde, jeden Tag, versucht aber, alles zu lernen, was der Bauer und die Bäuerin ihr beibringen. Auf alles geht sie offen zu und wird auch Stück für Stück kräftiger. Sie sieht die Armut, die Unterschiede zu ihrer Herkunft, sie versteht es, ihre Anmut und Bildung zu verstecken. Der Mond ist die Verbindung zum Vater, die sie verabredet haben. Darüber vergisst sie eines Tages, auf die Schwester aufzupassen. Die Mutter, alleine ganz und gar überfordert, peitscht sie aus und bläut ihr ein, dass ihr Vater sie nicht mehr hören kann.  

Das muss Raami verkraften. Und auch das, was sie unfreiwillig sieht, nämlich dass vor allem Männer nachts umgebracht werden. Und sie muss verkraften, dass ihre Schwester an Malaria stirbt und sie sich schuldig fühlt, weil sie nicht genug auf sie aufgepasst hat. Der Tod Radanas wirft ihre Mutter ganz und gar aus der Bahn. Raami konnte nicht mehr zu ihr durchdringen und war nun in ihrer kindlichen Verzweiflung ganz allein. Eine Unvorsichtigkeit führt dazu, dass Raami und ihre Mutter mit Lastwagen in ein Lager gebracht werden. Dort finden sie den Onkel und die Großmutter, die anderen, musste der Onkel berichten, hatten nicht überlebt.  

Dennoch bleiben die Träume
Der Schrecken wurde mit jeder Station, zu der sie gebracht wurden, größer. Raami wird von Mutter und Onkel getrennt und mit der Großmutter alleine gelassen. Sie muss hart arbeiten, das Essen wird immer kärglicher und man verlangt, dass sie den Revolutionären über die Menschen im Lager berichtet. Sie versucht, eine gute Revolutionärin zu sein. Der Staudamm, an dem alle bis zum Umfallen arbeiten, wächst. Raami versucht, die Realität zu erfassen, die Arbeit, die über ihre Kräfte geht, den Hunger, den sie permanent spürt, das Sterben um sie herum – und dennoch bleiben die Worte, die Träume, die Geschichten bei ihr. Sie ist schließlich ein kleines Mädchen das Schutz braucht. Als die Großmutter stirbt, tauchen Mutter und Onkel wieder im Lager auf. 

»Das Volk muss sich selbst sein Grab schaufeln«
Das Volk muss sich selbst sein Grab schaufeln, davon ist Raamis Onkel überzeugt. Er versteht sofort, als sich Gerüchte verbreiten, dass es Kämpfe zwischen Vietnam und Kambodscha gibt. Nur Raami und ihrer Mutter gelingt die abenteuerliche Flucht, und vollkommen entkräftet kommen sie in Thailand an.   Raami stammt wie die Autorin aus einer adligen Familie. Das zu verheimlichen war  nicht immer möglich. So wurden ihnen teilweise noch mehr Lasten auferlegt als sowieso schon auf den zwangsvertriebenen Städtern und schließlich auch bäuerlichen Zwangsarbeitern lag.  

Vaddey Ratner ist es gelungen, ihre Erinnerungen niederzuschreiben, ohne Hass, so,  wie sie mit buddhistischer Unterweisung aufgewachsen ist. Gleichzeitig bezieht sie auch die Perspektive des Kindes ein, das Verlassenheit erduldet und manchmal dennoch Hoffnung lebendig hält.  

Die Führer der Roten Khmer, die im jüngst zu Ende gegangenen Prozess schuldig gesprochen wurden, haben alle Schuld und Verantwortung von sich gewiesen. Das Schicksal dieser einen Familie lässt uns den ganzen Schrecken sehen. 

Fazit: Die empfehlenswerte Lektüre dieses Buches führt den Leser zu der noch immer nicht beantworteten Frage nach den Ursachen, nach Schuld und Verantwortung und zu der Frage, wie das Geschehene im Heute weiter wirkt. Die Kinder von damals sind jetzt um die 40 Jahre alt. Welche Erwachsenen sind sie? Was passiert heute in Familie und Gesellschaft, wenn man so viele Jahre Gewalterfahrung (auch schon vor den Roten Khmer) unter den Teppich kehren soll?

Monika Huber

Zurück zur Übersichtsseite

Zum Seitenanfang

Bleiben Sie noch einen Moment –
und abonnieren Sie unseren Newsletter!

Jetzt anmelden!

Bleiben Sie informiert.
Abonnieren Sie unseren Newsletter!

Jetzt anmelden!