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Medientipp: Die Märchenhexe

Die Abenteuer einer deutschen Märchenhexe in Bolivien

Auch in einer globalisierten Welt kann man sich den Schreck einer deutschen Märchenhexe vorstellen, die mit ihrem Besen im bolivianischen Tiefland eine Bruchlandung erleidet und nicht nur exotische Aromen, Pflanzen, Vogelspinnen und einen merkwürdig schrill pfeifenden Kobold mit breitem Strohhut trifft, sondern feststellen muss, dass sie ihre Zauberkräfte verloren hat und sich nun wie ein normaler Mensch -oder besser gesagt: eine schrullige alte Frau- in der Fremde zurecht finden muss. »Um der tausend himmlischen Schlangen willen«, ist ihr Lieblingsfluch, den die Leser nicht nur einmal zu hören bekommen.

Gefährliche Reise

Auf der abenteuerlichen und nicht ungefährlichen Reise durch das bolivianische Tiefland, über die Hochgebirge der Anden und den Titikakasee bis in die Talregionen von Cochabamba, begegnet die Hexe im ersten Teil des Buches bolivianischen Märchengestalten, die andiner Herkunft sind oder Figuren, die einer kulturellen Mischung der spanischen Eroberer mit der indigenen Mythenwelt entsprungen sind. Von jeder Figur bekommt Walburga Blocksberg, wie die Autorin die Hexe genannt hat, einen Schatz, dessen Bedeutung erst klar wird, als die Märchenhexe auf eine Gruppe Kinder trifft, die vor einer »wirklichen«  Hexe, der Direktorin ihres Waisenheims, geflohen sind. Jedes der Kinder hat eine eigene Geschichte, hat ein besonderes Problem. Dabei gibt es nicht nur für die Waisenhausdirektorin ein reales Vorbild.

Rosalba Guzman ist nicht nur eine der anerkanntesten Kinderbuchautorinnen Boliviens, sondern hat auch als Psychologin beruflich mit vielen gestrandeten Kindern zu tun.

Die Probleme des Alltags in märchenhafter Darstellung
Dass sie in ihrer psychologischen Praxis das Geschichtenerzählen selbst auch als Therapieform einsetzt -und manche der von ihr begleiteten Kinder bittet, ihre Geschichte doch weiterzuerzählen-  hat Rosalba Guzmán aber nicht dazu verleitet, aus der Märchenhexe eine verklausulierte Therapieanleitung zu machen. Vielleicht mit Ausnahme des Kapitels, in dem Giovanna sich im Spiegelbild des Wassers sieht. Gewiss, viele typische Probleme und auch soziale und politische Themen der bolivianischen Gesellschaft (wie die Emanzipationsbewegung der indigenen Tieflandvölker, die Kreativität der arbeitenden Kinder oder die Probleme der Waisenkinder, Alkoholismus und innerfamiliäre Gewalt), spiegeln sich in der Erzählung. Und vieles wird wie beiläufig erklärt. Das war schon in der spanischen Erstauflage von 1997 so, denn im Vielvölkerstaat Bolivien kennen viele Kinder kaum die Kulturen der anderen Regionen des Landes. Diese Anschaulichkeit einer fremden Kultur und die erzählerische Darstellung von Problemen, mit denen sich Projekte von terre des hommes in Bolivien beschäftigen, ist auch ein Grund, warum der Herausgeber Hans-Martin Grosse-Oetringhaus sich entschlossen hat, das Buch in der Reihe »Bücher für eine Erde der Menschlichkeit« zu veröffentlichen.

Eine Geschichte wie bei Michael Ende
Doch vor allem, weil die Geschichte in erster Linie ein phantastisches Märchen im Stile eines Michael Ende bleibt. Eine Geschichte voller  Hoffnung, Humor, Spannung. Und vor allem kreativem Sprachwitz und unkonventioneller Textgestaltung. Da wachsen die Buchstaben mit der Angst der Hexe, was für Lukas Loss, der für den Satz dieses Buches verantwortliche war, eine besondere Herausforderung war. Ebenso waren die zahlreichen Sprachspiele –in der spanischen Version spricht die Hexe mit deutschem Akzent-  für die Übersetzerin Gertrud Schwarzenbart eine besondere Herausforderung. Kinder, davon ist die Autorin Rosalba Guzman überzeugt, hätten damit überhaupt keine Probleme.

Wo ist der Schuh der Hexe?
Doch zurück zur Geschichte des Buches: Nachdem fast alle der aus dem Waisenhaus Entlaufenen mit Hilfe der von der Hexe gesammelten Schätze ihr Problem haben lösen können, bleibt nur noch der kleine Daniel übrig, für den niemand einen passenden Rat weiß, weshalb die Protagonisten sich nicht anders zu helfen wissen, als die Kinderbuchautorin direkt anzuschreiben und um eine Lösung zu bitten.

Wie das Abenteuer für Daniel und die Märchenhexe ausgeht, wird an dieser Stelle ebenso wenig verraten wie der Ort, an dem der lange spitze Schuh der Hexe unter ihrem Fluch vor die »Tausend himmlischen Schlangen« gefallen ist. Vielleicht hat ihn ja jemand gefunden?

Peter Strack


Rosalba Guzmán Soriano
Die Märchenhexe

terre des hommes. Osnabrück 2012
Umfang: 197 Seiten inkl. 17 farbiger Abb., DIN A 5
Bestellnummer: 222.1573.00
Preis: 10,90 €
ISBN 978-3-941553-12-5
Bestellungen bitte an: terre des hommes, Ruppenkampstraße 11 a. 49084 Osnabrück. Das Buch kann auch über den terre des hommes-Online-Shop www.tdh.de/shop bezogen werden.


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