Zaire 74 – The African Artists
Zusammengestellt und produziert von Hugh Masekela
und Stewart Levine
Label: Wrasse Records 2017
2 CDs (auch als LP erhältlich)
Preis: 15,99

Wer erinnert sich an 1974? Wenige vermutlich, es sei denn, man erwähnt den Boxkampf zwischen Mohammad Ali und George Foreman in Kinshasa, Zaire (heute Demokratische Republik Kongo). Im Vorfeld organisierten Hugh Masekela und Stewart Levine ein 3-tägiges Musikfestival in Kinshasa, das stattfand, obwohl der Boxkampf schließlich um einen Monat verschoben werden musste. Viele afro-amerikanische Sänger und Bands nahmen teil, aber auch zum ersten Mal die besten Sängerinnen, Sänger und Orchester aus dem damaligen Zaire und aus Südafrika (Miriam Makeba). Die Musik dieser Gruppen wurden auch in Deutschlands Discos gespielt, eigneten sich doch einige Stücke unglaublich gut zum Tanzen. Vom Festival hörte man, während es stattfand, dann eigentlich nicht wieder, bis 1996 - mehr als 20 Jahre später - ein Dokumentarfilm herauskam »When We Were Kings«, der allerdings im Wesentlichen den Boxkampf zeigte, dazu nur einige Ausschnitte aus dem Musikfestival mit amerikanischen Sängern. 13 Jahre später zeigte der Film »Soul Power« Ausschnitte aus dem Musikfestival, das vor 50 000 Zuschauern stattfand, allerdings vor allem wieder die amerikanischen Sänger (James Brown).

Auch eine Musikempfehlung für jüngere Leute
Die Idee, die Mitschnitte der Musiker aus dem Kongo herauszugeben, entstand und verschwand. Erst 2014 entschlossen sich Hugh Masekela und Stewart Levine, eine CD aus den Aufnahmen der afrikanischen Musiker zusammenzustellen. Es handelte sich um eine archäologische Arbeit, wie sie selbst sagen. Das Album mit 2 CDs ist nun erschienen. Alle Beine, die damals zu afrikanischen Rhythmen generell und besonders zu »Franco and TPGK Jazz Orchestra« oder »Orchestre Stukas« getanzt haben, werden sich sogleich erinnern und wieder tanzen wollen. Jedoch klingt die Musik so frisch, dass sie auch für jüngere Hörer ein Genuss sein kann. Außer Miriam Makeba war als afrikanische Sängerin damals lediglich Abeti bekannt, sie hatte auf dem Festival – inzwischen schon ein Star – einen langen Auftritt. »Tabu Ley Rochereau and Afrisa« sind ebenfalls mit einigen Stücken vertreten. Tabu Ley Rochereau war Songschreiber und Sänger und ist früh in Europa und Kanada bekannt geworden.

Musik als Teil einer Kampagne
Auf den CDs sind auch vier Stücke zum Lob und Preis von Mobutu zu hören. Das kommt uns heute seltsam vor. Nachdem Mobutu nach der Ermordung von Lumumba 1965 die Macht ergriffen hatte, hat er eine Authentizitäskampagne angeordnet. Die kolonialen Bezeichnungen von Städten und des Landes selbst wurden ausgetauscht. Aus Leopoldville wurde Kinshasa, und das Land hieß nun Zaire. Diese Kampagne fand auch unter den Musikern großen Anklang. Man wollte schließlich afrikanische Musik spielen und Mobutu unterstütze dies. Im Gegenzug mussten Musiker bei bestimmten Gelegenheiten für ihn auftreten. Dass Mobutu ein grausamer Diktator war, erkannten zu dieser Zeit nur wenige. Man wollte auftreten und zeigen, was kongolesische Musiker können. Denn alle waren Kongolesen, einige allerdings hatten schon Auftritte in anderen afrikanischen Ländern oder waren gar in Europa und Amerika bekannt. Besonders bekannt war in jener Zeit Franco. Man kannte ihn auch in Lateinamerika, weil er lateinamerikanische Elemente in seiner Musik unterbrachte. Insbesondere war der Austausch mit kubanischer Musik intensiv, die viele Rhythmen afrikanischer Musik enthält und nun wiederum afrikanische Musik beeinflusst hat. Bei Zaire 74 wollte man zeigen, dass man neben den berühmten afro-amerikanischen Sängern aus den USA bestehen konnte. Und das konnten die kongolesischen Musiker.

Liebevolle und informative Detailarbeit der Herausgeber
Im ausführlichen und interessanten Booklet des Albums wird der Weg der einzelnen Musiker bis zu diesem Konzert beschrieben, in welcher Tradition sie groß geworden sind, welche Elemente sie in ihre Musik aufgenommen haben und auch welche Auftritte und Kontakte in anderen Ländern sie schon gehabt hatten, bevor sie in Kinshasa aufgetreten sind. Es vermittelt tatsächlich das Gefühl, an einer Ausgrabung beteiligt zu sein, zumal Masekela und Levine sehr lebhaft beschreiben, wie sie sich den Konzertmitschnitten schließlich doch noch einmal zugewandt haben. Die Texte der Songs sind kurz in Englisch wiedergegeben. Sie handeln von Liebe, von Sehnsucht nach dem Dorf, aus dem man kommt, nach dem Volk, zu dem man gehört, von Heimweh, von gemeinschaftlicher Arbeit, von Reue oder auch von einer Wasserquelle in einem traditionellen Lied. »Tanzt«, »komm zurück«, »hasst einander nicht«, so die Aufforderungen. Texte des täglichen Erlebens. Elektrisierend sind jedoch nicht die Texte, sondern die Musik.

Ich bin keineswegs eine große Kennerin afrikanischer Musik und kann die Details und die Qualität der einzelnen Stücke nicht detailliert beschreiben und beurteilen, obwohl mir viele Gruppen und Sänger von damals noch bekannt sind. Aber die Herausgabe dieses Albums hat eine Zeit großen Aufbruchs heraufbeschworen und Erinnerungen an durchtanzte Nächte geweckt. Das Hören und Wiedererkennen haben mich begeistert. Die Beine wollen tanzen.

Monika Huber

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