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Daniel / Müller / Stoll / Öhlschläger
Mittelklassen, Mittelschichten oder Milieus in Afrika?
Gesellschaften im Wandel

(Bayreuther Studien zu Politik und Gesellschaft in Afrika, Band 2)
Nomos-Verlag, Baden-Baden 2016
Broschiert,
219 S., Preis € 44
ISBN-13: 9783848736188
ISBN-10: 3848736187

Durch die entwicklungspolitische Diskussion geistert ein neuer Hoffnungsträger: Es sind die Mittelschichten, die es richten sollen, gerade auch in Afrika, dem Chancenkontinent, für den ein »Marshallplan« angedacht wird. Nicht mehr pro-poor-growth, sondern Stärkung der Mittelschichten soll die Leitlinie der Zusammenarbeit sein. Viele Zeitgenossen reiben sich verwundert die Augen, vor allem diejenigen, die an das gängige Afrikabild gewöhnt sind. Dort dominiert der Eindruck einer tiefen Spaltung der Gesellschaft; einer riesigen Masse Armer steht eine kleine Schicht Reicher gegenüber. Immer noch bekräftigt die Messgröße des Gini-Koeffizienten, der für die ungleiche und ungerechte Verteilung der Güter steht, diese Sicht. Und nun soll es eine Mittelschicht geben, die nicht nur einen wesentlichen Teil der Gesellschaft umfasst, sondern auch durch ihren wachsenden Wohlstand größerer sozialer Verantwortung zuneigt und als Motor für wirtschaftliche wie politische Entwicklung taugt?

Wie zählt man eigentlich die Mittelschicht?
Um darauf eine Antwort zu finden, kommt die Publikation des Instituts für Afrikastudien der Universität Bayreuth gerade richtig. Der Sammelband umfasst Beiträge verschiedener Autorinnen und Autoren, die teils grundlegend systematisch, teils in Form von Fallstudien zu einzelnen Ländern dem Phänomen Mittelschicht nachgehen. Kronzeuge für die Existenz von Mittelschichten in Afrika ist die Afrikanische Entwicklungsbank (ADB), die in einer Studie von 2011 den Anteil von Mittelschichten in Afrika auf 34,3 Prozent der Bevölkerung taxierte. Das wären rund 300 Millionen Menschen – mit wachsender Tendenz: Die ADB sprach 2012 schon von 300 bis 500 Millionen Menschen, die zur Mittelschicht zu zählen seien. Dieser Befund stützt sich auf die Einkommensverteilung und berücksichtigt Personen, die pro Tag zwischen zwei und 20 US-Dollar zur Verfügung haben. Allerdings sind auch Personen eingerechnet, deren Einkommen vier US-Dollar nicht übersteigt. Rechnet man diese Gruppe, die sogenannte floatingclass, heraus, verringert sich der Umfang der Mittelschicht drastisch auf 13,4 Prozent. Mit einem Einkommen zwischen zwei und vier Dollar gehört man zur Mittelschicht? Da braucht es doch eine ziemliche Portion Phantasie, um sich vorzustellen, wie bei einem derart niedrigen Einkommen ein Lebensstandard gestaltet werden kann, der dem der Mittelschicht entspräche.

Unabhängig von der fragwürdigen Zuordnung anhand der Einkommen existieren jedoch auch in Afrika Mittelschichten. Sie konstituieren sich nicht zuletzt über das Bewusstsein der Menschen, die sich der Mittelschicht zuordnen und zugleich von denjenigen abgrenzen, die in der Sozialstruktur über oder unter ihnen stehen. Verknüpft sind die Selbstzuordnungen mit Einschätzungen eigener Leistungen, aber auch moralischer Verantwortung, wie Jan Budniok und Andrea Noll in ihrem aufschlussreichen Beitrag über Ghana herausarbeiten. Ein besonderes Merkmal des schichtbezogenen Lebensstils zeigt sich demnach im Konsum. Insbesondere seit den Neunzigerjahren haben sich neue Konsummöglichkeiten ergeben, die sich im Kauf von Luxusgütern, aber auch im Hausbau und in großzügig gestalteten Familienfesten zeigen. Die Autoren stellen heraus, dass die von ihnen befragten Personen in großer Mehrzahl mit der Vorstellung einer Mittelklasse nach europäischem Muster vertraut sind und sich häufig am damit verbundenen Lebensstil orientieren.

Ist die Mittelschicht demokratisch gesinnt?

Dass es aber selbst innerhalb dieser Mittelklasse erhebliche Differenzierungen gibt, macht Erdmute Alber in ihrem Beitrag über Benin deutlich. Durch die nach wie vor gegebene enge Verbindung einzelner städtischer Haushalte mit ihrem ländlichen verwandtschaftlichen Umfeld leben in den Mittelklassefamilien auch Personen, die nicht über die spezifischen Konsum- oder Bildungsmöglichkeiten der Mittelschichten verfügen. Um der Heterogenität innerhalb der Haushalte gerecht zu werden, sollte zwischen einer individuellen Mittelschichtzugehörigkeit und der Situation von Mittelschichthaushalten unterschieden werden. Diese Binnendifferenzierung macht es noch schwieriger, von einer homogenen Mittelschicht zu sprechen.

Bei seinem Versuch, die Vielzahl einzelner Befunde zu systematisieren, kommt Dieter Neubert zu erhellenden Ergebnissen. Demnach zeichnet sich die heutige Mittelschicht dadurch aus, dass ihre Angehörigen eine deutliche Bildungs- und Aufstiegsorientierung aufweisen, dass sie oft über Auslandserfahrung verfügen und durch Verbindungen zur Diaspora Zugriff auf entsprechende Rücküberweisungen haben. Auch deutet einiges darauf hin, dass sie einer pro-demokratischen Orientierung zuneigen. Interessanterweise belegen aber Forschungen, dass dies nicht unbedingt als Spezifikum der Mittelschicht gesehen werden kann, sondern dass diese Orientierung auch unter ärmeren Bevölkerungsteilen weit verbreitet ist. Mehr noch macht Henning Melber in seinem klugen Beitrag darauf aufmerksam, dass mit steigendem Bildungsgrad nicht unbedingt auch das Demokratieverständnis wächst. Worin also liegt das Spezifikum der Mittelschicht und wie steht es mit der Erwartung, dass aus der Schichtzugehörigkeit das Bewusstsein einer Klasse mit politischen Einstellungen wird?

Die Bedeutung der Lebensstile

Neubert sieht das verbindende Merkmal der Mittelschichten darin, dass durch höhere Einkommen vor allem Wahlmöglichkeiten entstehen, die Entscheidungen jenseits der reinen Existenzerhaltung erlauben, sprich: neue Konsummöglichkeiten, mehr Bildung, auch Investitionen in kleinere Unternehmen oder in Landbesitz, der in afrikanischen Gesellschaften weiterhin eine große Rolle spielt. »Die Gemeinsamkeit dieser Gruppe besteht in den Wahlmöglichkeiten, aber eben nicht in den spezifischen Wahlentscheidungen«, so sein Befund. Die Entscheidungen führen vielmehr zu einer Vielfalt unterschiedlicher Lebensstilen. Seine Empfehlung geht dahin, diese Lebensstile genauer zu betrachten. Er verweist auf eigene weitere Forschungen zur Struktur des städtischen Kenias, die zwischen mehreren Milieus unterscheiden, die jeweils unterschiedliche Lebensstile pflegen. Diese können stabilitätsorientiert häuslich-privat oder religiös orientiert sein, die Gruppierung der young professionals umfassen oder auch kosmopolitisch zivilgesellschaftlich geprägt sein.

»… oberflächlicher middle class hype ...«

Ob die traditionellen Schicht- und Klassenmodelle geeignet sind, diese Formationen angemessen zu erfassen, wird in verschiedenen Beiträgen des Bandes deutlich bezweifelt. In einem lesenswerten Aufsatz analysiert Angela Graf die verschiedenen Konzepte und Modelle der Sozialstruktur und macht dabei klar, u.a. an Helmut Schelskys These aus den Sechzigerjahren von der nivellierten Mittelstandsgesellschaft in Deutschland, wie sehr die jeweiligen Theorien von sozioökonomischen Gegebenheiten geprägt sind. Sie warnt vor einer unkritischen Übertragung solcher für das Verständnis sozialer Schichtung im Deutschland entwickelten Modelle auf afrikanische Gesellschaften. Noch deutlicher wird Henning Melber, der für eine vertiefende Forschung und die Berücksichtigung weiterer Faktoren wie Ethnizität oder Religion plädiert, vor allem aber auch eine Analyse systemischer Gegebenheiten für politische Teilhabe einfordert, um dem, wie er schreibt, derzeitigen »oberflächlichen middle class hype« Einhalt zu gebieten. Die Forderung nach einer auf Mittelstandsförderung ausgerichteten Entwicklungspolitik ist übrigens nicht gänzlich neu; schon in den Achtzigerjahren des vergangenen Jahrhunderts propagierte der damalige entwicklungspolitische Sprecher der CDU, Winfried Pinger, einen solchen Ansatz. Die Forderung war wenig reflektiert und ist es auch heute wieder, zeigt doch die vorliegende Publikation die Diversität gesellschaftlicher Formationen, die im aktuellen entwicklungspolitischen Diskurs nur allzu gern als homogene Mittelschicht betrachtet, als gesellschaftliche Akteure überhöht und mit Erwartungen überfrachtet werden. Neuerliche Enttäuschungen dürften da unvermeidlich sein.

Fazit

Leserinnen und Leser, die den Band zur Hand nehmen, lassen sich auf eine interessante Lektüre ein. Sie ist lohnend, auch wenn sie ein hohes Maß von Toleranz gegenüber der manchmal doch arg akademisch gehaltenen Diktion der Beiträge voraussetzt. Gern würde man sich etwas mehr essayistische Frische wünschen, die die Lesbarkeit erhöhte und auch dem leichteren Transfer wichtiger wissenschaftlicher Erkenntnisse in eine breitere Öffentlichkeit hinein dienen könnte.

Jürgen Hambrink

Mit der Rolle der Mittelschichten in Afrika befasst sich auch das Buch:
Bettina Gaus: Der unterschätzte Kontinent. Eine Rezension dieses Buches finden Sie hier auf unserer Seite.

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